Schmerzbekämpfung mit dem Holzhammer


Zu harte Drogen und zu wenig Aufklärung: Über Nebenwirkungen im Gesundheitssystem

Christopher Stark | TELEPOLIS

Der Fall

Brandenburg an einem schönen Spätsommertag. Die Äpfel im Garten des Wochenendhauses sind reif und müssen gepflückt werden. Nach harter körperlicher Arbeit sind die Konzentration und Muskelkraft der Person in unserem Beispiel verringert und so rutscht er an der Rinde des Baums ab und fällt. Er hat zwei Möglichkeiten: sich festzuhalten oder sich fallen zu lassen. Die Risikoabschätzung, die er, wie jeder Mensch in der Situation in wenigen Millisekunden instinktiv vornimmt, führt dazu, dass er sich festhält – und sich dabei sein Schultergelenk auskugelt.

Die Nachbarn rufen für ihn den Krankenwagen, seine Schmerzen sind sehr stark. Als der Krankenwagen da ist, fragen die Sanitäter als erstes, ob er ein Schmerzmittel benötigt. Die Reaktion des pharmaskeptischen Stadtmenschen ist die Erwiderung, dass sie ihm höchstens etwas Harmloses wie z.B. Ibuprofen geben sollten. Härtere Mittel halte er für „das Schießen mit Kanonen auf Spatzen“.

Ibuprofen hat man im Krankenwagen nicht da und der Sanitäter meint, es würde ihm nun sowieso nicht mehr bei seinen starken Schmerzen helfen. Die Schmerzen werden während der Fahrt ins Krankenhaus immer stärker und der Patient lässt sich schließlich auf die Gabe eines Schmerzmittels ein. Der Schmerz ist nun auch zu groß, um stutzig zu werden, als es heißt, ein Arzt müsse dem Krankenwagen entgegenfahren und das Medikament erst freigeben.

Es werden nach der Freigabe durch diesen Arzt zwei Medikamente intravenös gespritzt. Das erste ohne Probleme; vor dem zweiten sagt man dem Patienten „Sie fühlen sich gleich etwas komisch“, aber das gehe nach ein paar Sekunden vorbei.

Dieser Horrortrip geht aufs Haus

Das zweite Medikament wird gespritzt und fast sofort geht es los. Der erste Gedanke des Patienten: „Hier stimmt etwas nicht, ich reagiere nicht gut auf dieses Zeug, ich verliere die Kontrolle über mein Dasein.“ Der nächste Gedanke: „Ich werde gleich tot sein! Hilfe! Scheiße! So fühlt es sich also an zu sterben!“

Was dann passiert, sollte man niemandem wünschen: Ein Filmriss, eine gefühlte Abtrennung des Körpers vom Geist, das Gefühl, den eigenen Körper für immer zu verlassen, das Gefühl von Hilflosigkeit und dem Ausgeliefertsein auf dem Weg ins Nichts.

Wie lange das dauert, kann der Patient nicht sagen, weil er kein Zeitgefühl hat und weil er nicht weiß, welcher Zustand das eigentlich ist, ob er (noch) ein Mensch ist, ob er eine Persönlichkeit hat? Er weiß es nicht. Nur eben, dass er den blanken Horror vor Augen hat; dass seine Lage verwirrend und gefährlich ist. Nachdem der Horrortrip vorbei ist und der Patient verwirrt aufwacht, heißt es lapidar, solche Reaktionen seien „super selten“, vielleicht „einer von 10.000“ reagiere so.

weiterlesen