Als ein Physiker Ordnung ins Leben brachte


Vor 75 Jahren erschien das Buch «Was ist Leben?» von Erwin Schrödinger. Es ist ein Klassiker der Wissenschaft. Zugleich ist es aber auch ein Paradox der Wissenschaftsgeschichte: Obwohl fehlerhaft, hatte es eine immense Wirkung.

Karl Sigmund | Neue Zürcher Zeitung

Gleich in der Einleitung hält Erwin Schrödinger fest: Wenn ein Wissenschafter die Grenzen seines Fachs überschreite, riskiere er, sich lächerlich zu machen. Aber, so meint Schrödinger entwaffnend, irgendwer müsse es ja tun: «So viel zu meiner Entschuldigung.» Ein Physiker, der sich in die Biologie vorwagt, muss Kritik vertragen können. Und die kam dann auch.

Was in Schrödingers Buch richtig sei, sei nicht neu, und das Neue sei schon beim Erscheinen als falsch bekannt gewesen, meinte der Nobelpreisträger Max Perutz. «Vermutlich ein negativer Beitrag zur Biologie», ätzte der Nobelpreisträger Linus Pauling. Und Sydney Brenner, auch er Nobelpreisträger, prangerte lauthals «Schrödingers fundamentalen Irrtum» an. Das alles wurde allerdings erst Jahrzehnte im Nachhinein geäussert, als längst feststand, dass «Was ist Leben?» zu den wichtigsten Wissenschaftsbüchern aller Zeiten zählt.

Vorwegnahme der DNA

Die Bedeutung des Buches liegt weniger in seinem Inhalt – der war fehlerhaft – als in seiner stupenden Wirkung. Es bestimmte den Lebensweg einer ganzen Kohorte von brillanten Köpfen, die eine neue Wissenschaft schufen – die Molekulargenetik. Diese erreichte ihren ersten, inzwischen legendären Höhepunkt im März 1953: Fast punktgenau zehn Jahre nach den Vorträgen, die Schrödinger später in seinem schmalen Buch zusammenfasste, entdeckten James Watson und Francis Crick die Doppelhelix – ein Molekül, das wie eine Strickleiter ausschaut, die sich um die eigene Achse schraubt. Die Anordnung der Sprossen, von viererlei Typ, codiert die Erbinformation.

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