Hans Magnus Enzensberger wird 90: Ein Lob auf den grossen Skeptiker (und lächelnden Tänzer)


Er hat die menschliche Welt zwischen Himmel und Hölle erkundet. Dabei hat er seinen Humor nie verloren – und ebenso wenig seine Menschlichkeit. Alles Gute zum runden Geburtstag, HME!

Konrad Hummler | Neue Zürcher Zeitung

Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger in einer Aufnahme aus dem Jahr 2013. (Bild: Andreas Gebert / dpa / Keystone)

Hans Magnus Enzensberger ist der Skeptiker als Typus, ein Skeptiker auf der Höhe der Zeit, also gleichsam aller Zeiten. Manchmal kann es ein halbes (oder ganzes) Leben dauern, bis man dies wirklich begreift. Und das kam so.

Mit einer ernsten staatsbürgerlichen Ermahnung wurde ich in der Schule vor der Lektüre von Enzensberger gewarnt und damit dazu verleitet. Er sei ein Neulinker, ein Gefährlicher. Das war in der fünften, sechsten Gymnasialklasse.

Die Neugier war geweckt, und wir kauften uns diese staatsgefährdenden Bändchen in der städtischen Buchhandlung. Doch HME, wie wir ihn bald einmal nannten, enttäuschte gewissermassen. Denn von kommunistischem Agitprop war rein gar nichts, von neulinkem Vokabular wenig zu merken. Vielmehr machte eine subtil formulierte Verunsicherung der nächsten Platz, handfest war bei Enzensberger nichts.

«Nicht die Revolution, nur ihr Scheitern kann vor Gericht stehen»: So schreibt ein Revoluzzer nicht. Enzensberger schien zwar Partei zu ergreifen, ganz besonders durch die Herausgabe der Zeitschrift «Kursbuch». Aber just dort schrieb er: «Widerspruchsfreie Weltbilder brauche ich nicht.»

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