Die Kirche ist mit Blick auf Entschädigungen keine Solidargemeinschaft


Ja, die Gläubigen müssten es ertragen, für den Missbrauch in der Kirche in Mithaftung genommen zu werden, sagt Pater Klaus Mertes. Bei den Entschädigungszahlungen höre die Solidargemeinschaft aber auf. Und dafür gebe es Gründe.

Klaus Mertes | katholisch.de

Als Schüler mich in den 90er-Jahren fragten, warum sie heute immer noch in die Mitverantwortung und Mithaftung für Verbrechen der Nationalsozialisten genommen würden, lautete meine Antwort: Nicht nur deswegen, weil wir als Deutsche in einer Verantwortungsgemeinschaft stehen, die durch unsere Zugehörigkeit zum deutschen Volk begründet ist, sondern auch deswegen, weil die Nationalsozialisten nicht einfach so an die Macht gekommen sind, sondern durch Wahlen. Man könne also die Verbrechen der Nationalsozialisten nicht einfach reduzieren auf Verbrechen einzelner Personen und das Wahlverhalten einzelner Wählerinnen und Wähler; vielmehr stehe die ganze bürgerlich-demokratisch verfasste Gesellschaft in einer Mitverantwortung. Ignatz Bubis, der 1999 verstorbene Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, deutscher Staatsbürger und Überlebender des Holocaust, erzählte einmal, dass er sich allein schon deswegen mit seinen Steuergeldern an Wiedergutmachungszahlungen der Bundesrepublik für die Holocaustopfer beteilige, weil er Teil eines Gemeinwesens sei, das eine Mitverantwortung dafür trägt, wer an der Regierung ist.

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