«Die Philosophie muss nicht zur Verbesserung unseres Wissens von der Welt beitragen – sie soll darauf reflektieren, was diese Wissensfortschritte für uns bedeuten»


Wie hat sich das Wissen vom Glauben gelöst? Was heisst säkulares Denken? Und wie kann der Gebrauch der Vernunft Orientierung schaffen in einer immer komplexeren Welt? Im Gespräch mit Henning Klingen skizziert Jürgen Habermas die Grundfrage seines neuen Buches «Auch eine Geschichte der Philosophie».

Henning Klingen | Neue Zürcher Zeitung

Wie kann sich die Philosophie den grossen Fragen nähern, wenn die einfachen Antworten nicht mehr gelten? In seinem neuen Buch zieht Jürgen Habermas die Summe seines Lebens als Philosoph und Citoyen. (Bild: Isolde Ohlbaum)

Herr Habermas, Sie legen in diesen Tagen Ihr neues Buch vor. «Auch eine Geschichte der Philosophie» lautet der Titel. Es bietet eine magistrale Tour d’Horizon über die Entstehung des nachmetaphysischen europäischen Denkens. Ein Riesenwerk – zwei Bände im Umfang von rund 1700 Seiten . . .

. . . und da möchte man eigentlich als Autor eher vom Leser erfahren, was dieser mit einem solchen Streifzug durch die Geschichte der abendländischen Philosophie anfangen kann, an dem ich zehn Jahre lang gearbeitet habe. Insofern war meine Zustimmung zu diesem Interview wohl etwas unvorsichtig.

Dennoch wird Sie nicht wundern, dass man als Leser fragt, worin Ihr Antrieb bestand, sich im neunten Lebensjahrzehnt noch einmal so intensiv mit der Frage zu befassen, wie sich das nachmetaphysische Denken herausgebildet hat.

Die Wissenschaft vermehrt unser Wissen von der Welt mit einer unerhörten Beschleunigung. In der kurzen Spanne des 20. Jahrhunderts haben wir die Durchbrüche in der Mikrophysik, in der Biogenetik und in den Neurowissenschaften erfahren – und fast ebenso schnell die umwälzenden technologischen Folgen dieser Erkenntnisse. Wir lernen nicht nur immer mehr über die uns umgebende Natur, sondern nun auch über die Natur, die wir selber sind. Die Biotechnologie kann inzwischen mit den Bausteinen des Lebens nach beliebigen und nicht mehr nur nach therapeutischen Zwecken verfahren; und die Operationen des Geistes, die uns bisher nur reflexiv, gewissermassen durch den Geist selber, zugänglich waren, werden als Hardware vergegenständlicht.

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