„Ich würde gerne zum Anfang der Zeit reisen“

Wurmloch

Sind Zeitreisen aus physikalischer Sicht möglich? „Prinzipiell ja“, sagt der britische Physiker und Kosmologe John Barrow. „Aber daraus folgt nicht, dass man in der Zeit zurückgehen und den Verlauf der Geschichte ändern könnte.“

Interview: Robert Czepel | science.ORF.at

Herr Barrow, Zeitreisen sind ein beliebtes Motiv in der Science-Fiction-Literatur. Aber so phantastisch ist das möglicherweise gar nicht, oder?

John Barrow: Vor genau 70 Jahren hat der Österreicher Kurt Gödel eine neuartige Lösung für Einsteins Relativitätstheorie entdeckt: Diese Lösung beschreibt ein Universum, das geschlossene Zeitlinien enthält. Wen man so einem Pfad folgt, landet man irgendwann wieder dort, wo man in der Vergangenheit war. Das ist nicht das Gleiche wie die Zeitreisen aus der Science-Fiction-Literatur. Hätte man eine Zeitmaschine, wie sie zum Beispiel H.G. Wells in seinem gleichnamigen Roman beschrieben hat, dann könnte man in die Vergangenheit reisen und allerlei Paradoxien erzeugen. Zum Beispiel könnte ich mich selbst als Baby ermorden. Das führt zu einem Widerspruch.

Eine geschlossene Zeitlinie – was ist das überhaupt?

Denken sie sich die Zeit als eine Gruppe von Soldaten, die in einer Reihe marschieren, einer nach dem anderen. Da gibt es eine klare Ordnung: Jeder weiß, wer vor ihm ist und wer hinter ihm kommt. Doch wenn die Soldaten in einem großen Kreis marschieren, ist im Prinzip jeder vor allen anderen – und gleichzeitig hinter allen anderen. Gödel hat gezeigt, dass geschlossene Schleifen der Geschichte möglich sind. Aber daraus folgt nicht, dass man in der Zeit zurückgehen und den Verlauf der Dinge ändern könnte. Die Geschichte muss konsistent bleiben.

Was könnte in so einer Schleife passieren?

Nehmen wir das Beispiel von vorhin: Ich will mich selbst ermorden und reise daher mit einem Gewehr in die Vergangenheit. Dort angekommen sehe ich meine Mutter, wie sie mich als Baby im Arm hält, hebe das Gewehr, ziele – doch just in dem Moment, da ich abdrücken will, fühle ich in der Schulter den stechenden Schmerz einer alten Verletzung. Ich verreiße also das Gewehr, die Kugel verfehlt ihr Ziel. Doch der Knall erschreckt meine Mutter so, dass sie das Baby fallen lässt. Woraufhin sich das Baby an der Schulter verletzt.

weiterlesen