Wie viel Nazi-Ideologie steckt im Begriff „Schulmedizin“?


Die Nazis gaben dem Begriff „Schulmedizin“ mit dem Zusatz „verjudet“ einen speziellen Drive. Ein Plädoyer zum Verzicht auf den Begriff

Christian Kreil | DERSTANDARD

Nazis und Homöpathie? Die zwei Parteien waren sich näher als man denkt. Foto:AP Photo/Natacha Pisarenko

1832 tauchte die Bezeichnung „Mediziner der Schule“ erstmals auf. Samuel Hahnemann, der Begründer der Homöopathie, bezeichnete damit abfällig Ärzte, die seiner Theorie nicht folgen wollten. Ironie der Geschichte: Die Lehre Hahnemanns ist exakt das, was man unter einer „Schule“ versteht. Eine Schule, die 200 Jahre lang unverändert auf Thesen beharrt, die im Lichte der Wissenschaft von heute das Theorie-Niveau von Flat-Earth-Anhängern nicht übertreffen.

Fortschritte in der Medizin waren den Nazis suspekt

Das von Homöopathen geprägte Wort Schuldmedizin erhielt durch den Nationalsozialismus einen neuen und durchaus nachhaltigen Drive. In den Jahrzehnten, in denen die Nationalsozialisten ihre rassistischen Ideen spannen, gelangen der medizinischen Forschung bahnbrechende Entwicklungen.

Paul Ehrlichs erste medikamentöse Behandlung von Syphilis im Jahr 1909 war der Grundstein für Chemotherapien. 1923 wurde der erste Impfstoff gegen Diphterie entwickelt. Die Entdeckung des Penicillins durch Alexander Fleming in den späten 20er-Jahren kam ein gutes Jahrzehnt zu spät – es hätte in den Lazaretten des Ersten Weltkriegs hunderttausenden Verwundeten das Leben gerettet.

Der Blut- und Boden-Ideologie arbeitete die Medizin allerdings in keiner Weise in die Hände. Adolf Hitler spitzte bereits in der Unterstufe eines Linzer Gymnasiums seinen Bleistift, als Karl Landsteiner 1901 das System der Blutgruppen entdeckte. Er hätte damals dem jungen Hitler ins Ohr flüstern können: „Du hast Blutgruppe A. Wenn Du einmal eine Bluttransfusion brauchst: Das Blut vom Rabbi aus Lemberg mit Blutgruppe 0, das verträgst Du, am Blut des deutschen Volksgenossen mit Blutgruppe B, daran wirst du sterben.“ 

Viren und Bakterien ist die Nation gleichgültig 

Die Entwicklungen und Entdeckungen jener Zeit hatten das Potenzial, der gesamten Menschheit von Nutzen zu sein. Bakterien und Viren scheren sich einen Dreck um die Nation des Körpers, in dem sie sich ausbreiten und das Blut kennt keine Rasse. Das gefällt „Rassehygienikern“ natürlich nicht. Die erwarteten zudem etwas anderes von einer Heilkunde: Forschung für den „Volkskörper“ und nicht für das Individuum, eine „Gesundheitsführung“, die der eigenen „Rasse“ zugute zu kommen hat.

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