Nach einem Jahr sind die Gelbwesten radikal verzweifelt, aber noch immer da

Bild von gfk DSGN auf Pixabay

Die «gilets jaunes» sind in Frankreich als Sammelbewegung der Unzufriedenen entstanden. Auf der Suche nach ihrer Identität haben sie nicht nur ihre moderaten Unterstützer verloren, sondern müssen auch Grundsätze über Bord werfen.

Nina Belz | Neue Zürcher Zeitung

Sie wolle nur ein bisschen zuhören, sagt eine Lehrerin aus Montpellier. Doch die kleine Frau vor der grossen Metalltür – Käppi, Jeans, schwere schwarze Schuhe und ein Badge mit der Aufschrift «Sécurité» – schüttelt grimmig den Kopf. Nur wer sich vorher angemeldet hat, lässt sie durch den Hintereingang in das frühere Museum für Landwirtschaft und Ernährung am Stadtrand von Montpellier eintreten.

Im Inneren sieht es so aus, als sei das Gebäude fluchtartig geräumt worden. Viele der Vitrinen sind noch da, wenn auch meist leer und zum Teil beschädigt. Zwischen Erklärtafeln zu Themen wie «japanischer Küche» oder «Getreidesorten» stehen ein Klavier und jede Menge Stühle. Am Boden liegen Matratzen. Die Wände sind mit Sprüchen beschmiert, auch «all governments are bastards» steht da. Erst wenige Tage vor diesem ersten Novemberwochenende hatten die Organisatoren bekanntgegeben, dass sie das seit 2010 geschlossene Museum besetzen würden, um dort die vierte Delegiertenversammlung der Gelbwesten, eine sogenannte Assemblée des Assemblées (ADA), zu veranstalten. Seither haben sie das Gebäude mit Strom versorgt, eine kleine Küche aufgebaut, mobile Toiletten und einen eigenen Sicherheitsdienst organisiert.

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