Grönland – „Ground Zero“ des Klimawandels

Bild von Jean Luc Krogmann auf Pixabay

Im grönländischen Dorf Ilulissat erleben die Einwohner die Folgen des Erderwärmung direkt vor ihrer Haustür. Was macht das mit den Menschen?

Marius Buhl | DER TAGESSPIEGEL

Im Hafen von Ilulissat, einem Ort an der Westküste Grönlands, drückt am Ende dieses viel zu warmen Sommers ein junger Mann den Gashebel seines Motorboots durch und schießt hinaus auf den Arktischen Ozean. Vor ihm auf dem Wasser türmen sich die Eisberge, blau schimmernde Riesen in der Nachmittagssonne, von denen sich dann und wann ein Brocken löst und ins Wasser kracht.

Einhändig steuert der Mann sein Boot vorbei an Schollen, die auf dem Wasser treiben wie riesige Scherben. Ole Kristiansen, 31 Jahre alt, Inuit, ist von Beruf Jäger, wie schon sein Vater und dessen Vater es waren. Ein kleiner Mann mit feinen Gesichtszügen, Brille und Schnurrbart, der keine Handschuhe trägt, obwohl der Fahrtwind seine Hände blau färbt. Meist schweigt er, die braunen Augen starr aufs Wasser gerichtet. Plötzlich bremst Kristiansen das Boot, greift nach einer rostigen Flinte, geht ein paar Schritte zur Reling, legt die Flinte an und schießt im Stehen auf einen kaum auszumachenden schwarzen Punkt in der Ferne. Eine Ringelrobbe.

Der Schuss prallt als Echo vom Eisberg zurück. Wasser quirlt. Färbt es sich rot, ist die Robbe tot. Dann muss er sie zu fassen kriegen, bevor sie zum Meeresboden sinkt. Kristiansen kneift die Augen zusammen. Das Wasser bleibt blau.

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