Impfpflicht im Kontext unserer Gesundheitskultur


Am 14. November verabschiedete der Deutsche Bundestag mit einer Mehrheit von 459 gegen 89 Stimmen bei 105 Enthaltungen das sogenannte Masernschutzgesetz. Wenn es zum 1. März 2020 in Kraft tritt, müssen sowohl Kinder als auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Kindergärten, Schulen und der Kindertagespflege eine Masernimpfung nachweisen – oder eine ärztliche Ausnahmebescheinigung vorlegen.

Stephan Schleim | TELEPOLIS

Bei Nichtbeachtung drohen Bußgelder oder auch der Ausschluss aus der Einrichtung. Letzteres gilt wegen der Schulpflicht jedoch nicht für Schulen. Da die Geldstrafen auch gegen die Einrichtungen verhängt werden können, werden diese wohl kaum um Kontrollen herumkommen. Für bereits bestehende Betreuungs- und Arbeitsverhältnisse gibt es noch eine Übergangsfrist bis Ende Juli 2021.

Nebenbei: Zusammen mit der Impfpflicht wurden auch Regelungen zur Kostenübernahme zur Spurensicherung nach sexuellen Übergriffen, ein Werbeverbot für Schönheitsoperationen für Jugendliche und schließlich die Möglichkeit von Wiederholungsrezepten verabschiedet. Über das Thema plastische Chirurgie sollte man gelegentlich einmal wieder schreiben. Doch bleiben wir bei den Impfungen.

Persönlich kann ich mich vorweg als Impfbefürworter outen. Ich halte Impfungen im Allgemeinen nicht nur theoretisch für sinnvoll, sondern habe sie bisher auch alle auf ärztliche Empfehlung über mich ergehen lassen. Über verschiedene Hobbys begegnen mir aber auch regelmäßig Menschen mit anderen Sichtweisen. Und was sagt man einer Mutter, die einem glaubhaft erzählt, wie ihr vorher völlig gesunder Sohn nach einer Impfung erst geistig behindert wurde und schließlich an den Langzeitfolgen starb?

Nun gilt die Masernimpfung, um die es in dem Gesetzesentwurf geht, glücklicherweise als sehr sicher. Es bleibt dennoch die Frage, ob die Einführung einer Impfpflicht und die damit verbundenen Sanktionen – Geldstrafen und der Ausschluss aus Gemeinschaftseinrichtungen – geeignete Mittel zur Gesundheitsförderung sind. Um diese Frage geht es mir in diesem Kommentar.

Ist der Impfschutz wirklich so niedrig?

Zunächst einmal fielen mir Widersprüche in der Berichterstattung auf. In mehreren Medien las ich, einen flächendeckenden Schutz vor Masern habe man erst ab einer Impfquote von 95%. Das ist natürlich eine auf Annahmen basierende Schätzung und keine Naturkonstante. Nun hieß es, Deutschland erreiche diesen Wert nicht. Also: Maserngefahr für die Deutschen und vor allem die Kinder Deutschlands! Wer wäre da gegen Maßnahmen zur Erhöhung der Quote?

So einfach scheint die Schlussfolgerung aber nicht zu sein. So zitiert die Website der Tagesschau etwa Zahlen der Weltgesundheitsorganisation, wonach 97% der Menschen in Deutschland eine und 92% zwei Masernimpfungen hätten. Vollständigen Schutz erreiche man nur mit beiden Impfungen; nach der ersten seien 90 bis 95% der Geimpften geschützt.

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