Verstehen ohne Gott


Warum breitet sich in unserer Gesellschaft der Atheismus aus? Jürgen Habermas, der wirkmächtigste Philosoph unter den Lebenden, legt dar, dass sich der Wandel nicht nur aus wissenschaftlichem Fortschritt erklärt, sondern auch aus Martin Luthers Angst vor dem Teufel.

Friedrich Reinhardt | Frankfurter Neue Presse

Neulich veröffentlichte das Bistum Limburg eine Broschüre: „Umnutzung und Aufgabe von Kirchen im Bistum Limburg“. Es soll eine Hilfe für kirchliche Amtsträger sein, die entscheiden müssen, ob eine Kirche aufgegeben werden soll oder nicht. Denn wegen des Mitgliederschwunds sei der Gebäudebestand zu groß. Woher kommt dieser Massen-Atheismus?

Eine Antwort à la „Wissenschaft kann die Welt gut ohne Gott erklären“, greift bei dieser Frage zu kurz. Das zeigt allein der Umfang des neuen Mammutwerks von Jürgen Habermas. Auf 1752 Seiten legt der wirkmächtigste noch lebende Philosoph dar, wie sich das Verhältnis von Glauben und Wissen im Laufe der Geschichte entwickelte. Der einstige Adorno-Schüler zeichnet dabei keine Verfallsgeschichte, tat er nie. Zwischen 1956 und 1971 war er am Frankfurter Institut für Sozialforschung und rettete die Kritische Theorie nach Adornos Resignation in der „Negativen Dialektik.“ Eine optimistische Grundannahme Habermas’ schallt auch durch das neue Werk: Entwicklungen sind Folgen von Lernprozessen, die durch „kognitive Dissonanzen“ angestoßen werden, also durch Widersprüche.

Trotz seines enormen Umfangs wirkt Habermas’ Text oft gehetzt. Als habe der 90 Jahre alte Philosoph zu wenig Zeit und Platz für das Vorhaben, das er selbst „ein so waghalsiges und unseriöses Unternehmen“ nennt, da er in seinem Alter „Bibliotheken von Sekundärliteratur“ nicht berücksichtigen könne. Dabei geht Habermas auf Werke beeindruckend vieler Philosophen, Historiker, Theologen ein. Allein der Entwicklungszeitraum, den er nachzeichnet, ist gewaltig.

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