Was hilft bei Depression?

Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

Antidepressiva offenbar nicht – Neue Untersuchung spricht von Placebo-Effekten, Studienautor Reinhard Maß findet die Idee, Tabletten könnten helfen, gar „absurd“

Arno Kleinebeckel | TELEPOLIS

Deutschland wird immer depressiver. Jährlich erkranken hierzulande deutlich mehr als fünf Millionen Menschen an einer behandlungsbedürftigen Depression; die Zahl der Behandlungsfälle hat sich seit der Jahrtausendwende damit mehr als verdoppelt. Frauen trifft es häufiger als Männer, immer öfter sind Kinder und Jugendliche unter den psychisch Erkrankten. 2016 zum Beispiel wurden allein 15.446 Kinder und Jugendliche wegen einer Depression stationär in einem Krankenhaus behandelt.

Wunderwaffe Anti-Depressiva?

Neben der gedrückten Grundstimmung leiden depressive Menschen meist an einer ausgeprägten Antriebsstörung. Sie kämpfen gegen einen als bleiern empfundenen Zustand, die Betroffenen sind oft nicht in der Lage, kleinste Entscheidungen zu treffen. Sie berichten von Konzentrationsstörungen, zum verminderten Antrieb addieren sich Schuld- und Minderwertigkeitsgefühle. Nach den „Nationalen Versorgungsleitlinien Depression“ sind Antidepressiva und Psychotherapie die wichtigsten Säulen bei der Behandlung.

Die 2008 gegründete Nationale Depressionshilfe bezeichnet die – nicht nur hierzulande – massiv eingesetzten Antidepressiva auf seiner Homepage als wirkungsvolle Hilfe im Kampf gegen die stille Krankheit. Im Deutschlandbarometer der Stiftung, die sich selbst als „pharma-unabhängig“ bezeichnet, heißt es: „Antidepressiva (…) wirken gezielt gegen die in der Depression gestörten Funktionsabläufe im Gehirn.“

„Absurde Idee“

Genau das bestreitet nun der Psychologe Professor Reinhard Maß vom Klinikum Oberberg (Zentrum für seelische Gesundheit Marienheide). Er hat gemeinsam mit vier Co-Autoren eine breit angelegte Studie vorgelegt, veröffentlicht in „Comprehensive Psychiatry“. Es geht um Placebo-Effekte in der Psychiatrie.

Maß und sein Autorenteam kommen zu dem Schluss: Nur wer an die Wirkung von Antidepressiva glaubt, darf von ihnen Linderung erwarten. Über den Placebo-Effekt hinaus hätten die Pillen auf eine Depression nach ihren Untersuchungen vermutlich keinen Einfluss. Für die Erhebung wurden 574 Frauen und Männer über fünf Jahre (2012 bis 2017) psychotherapeutisch begleitet und befragt. Dabei machten die Probanden detaillierte Angaben zum Grad ihrer Traurigkeit, zu den Themen Schuldgefühle, Schlafgewohnheiten, Suizidgedanken, Sexualität. Psychologe Maß ist sich sicher: „Je mehr man verstanden hat, welche Lebensumstände eine Depression verursacht haben, desto absurder erscheint die Idee, Tabletten könnten helfen.“

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