Für Erdogan und seine AKP dürfte der Höhepunkt der Macht überschritten sein


In den letzten fünfzehn Jahren hat sich die türkische Gesellschaft stark verändert. Durch die Vermischung von Nationalismus und Islamismus hat es Präsident Erdogan geschafft, ein autokratisches System zu errichten. Doch seine Zeit scheint abzulaufen.

Zafer Senocak | Neue Zürcher Zeitung

Die Moderne, wie sie sich heute präsentiert, ist auch ein Produkt strategischer Weltdeutungen vom Ende des 19. Jahrhunderts. Die Entwicklung des Westens war untrennbar verbunden mit einer Ideologie der Expansion, die sich politisch und militärisch manifestierte und unweigerlich in blutige Kriege mündete.

In der Gestalt eines melancholischen Kulturpessimismus stand diesem Expansionsdrang eine viel zu schwache, ökonomische Grundlagen entbehrende und eigentlich eher dekorative Kritik gegenüber. Dennoch gab es unter Intellektuellen und Künstlern Ausnahmeerscheinungen, die gerade aus der Ohnmacht heraus Werke schufen, in denen die ganze Tragik der menschlichen Hybris und Paradoxie der Moderne zum Ausdruck kommt. Einer von ihnen war Franz Kafka.

Mit der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs und der Shoah ist diese Bewegung der Expansion zumindest ideell zu einem Ende gekommen. In weiten Teilen der Welt kam die Dekolonialisierung in Gang, in den USA beseitigte die Bürgerrechtsbewegung die Rassenschranken, und in Europa schlossen sich die Staaten zu einem Projekt zusammen, das Grenzen überflüssig machen sollte. So keimte Hoffnung auf – auf weniger Gewalt, breitere Teilhabe und mehr Gerechtigkeit. Als 1989 der Kalte Krieg überwunden wurde, schien einem «Ende der Geschichte» als einer Folge militärischer Auseinandersetzungen nichts mehr im Wege zu stehen. Allerdings dämpfte der blutige Zerfall Jugoslawiens in den neunziger Jahren den neuen Optimismus bald wieder.

weiterlesen