Solange wir menschlich bleiben, brauchen wir die Geisteswissenschaften


Die grossen Naturwissenschafter haben sich immer auch für Fragen der Geschichte oder der Philosophie interessiert. Ihnen war klar, was heute gerne vergessen geht: Fakten und Daten reichen nicht aus, um die Welt des Menschen zu beschreiben.

Eduard Kaeser | Neue Zürcher Zeitung

In einem kürzlich erschienenen Beitrag (NZZ 29. 10. 19) schrieb Hans Ulrich Gumbrecht ein gutgelauntes Menetekel über die Zukunft der Geisteswissenschaften: «Ganz nüchtern lässt sich (. . .) hochrechnen, dass es niemand ausserhalb der Welt der Geisteswissenschaften registrierte (oder gar bedauerte), wenn deren Existenz morgen global eingestellt würde.» Doch, behaupte ich, und zwar registrieren das wohl am ehesten noch die Natur- und Technikwissenschafter. Weil sie im Grunde die Geisteswissenschafter benötigen.

Zur Vermeidung von Missverständnissen möchte ich vorerst zwei Tendenzen unterscheiden. Zum einen erheben nicht wenige Vertreter «harter» Disziplinen hegemoniale Erklärungsansprüche – sie behaupten, salopp gesagt: Wir allein erklären die Welt richtig! Dieser Hegemonialanspruch nimmt heutzutage gerne aggressive Züge an, indem etwa die Biologie oder kognitive Wissenschaften in Territorien einfallen, die vordem als Domäne der Geisteswissenschaften galten: Kunst, Moral, Religion, Politik. Meist meldet sich unterschwellig der Imperativ: Wovon man nicht naturwissenschaftlich sprechen kann, darüber muss man schweigen.

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