«Es gehört zur Political Correctness, sich zum Glauben an den Klimawandel zu bekennen. In Wahrheit nimmt man ihn nicht ernst»


Niemand hat sich intensiver mit der Geschichte der ökologischen Bewegung beschäftigt als der deutsche Historiker Joachim Radkau. Im Gespräch erklärt er, warum er auf Greta Thunberg hofft, wie er selbst vom Kernkraftbefürworter zum Kernkraftgegner wurde und warum Klima-Skeptiker mehr Toleranz verdient hätten.

Hansjörg Müller | Neue Zürcher Zeitung

An einer Demonstration am 20. September in München steht eine Klimaaktivistin auf einem Eisblock. Ihr Kopf steckt in einer Schlinge … (Bild: Michael Dalder / Reuters)

Herr Radkau, in einer E-Mail haben Sie mir geschrieben, das Aufkommen der Klimaschutzbewegung «Fridays for Future» sei für Sie «eine schöne Überraschung». Was ist daran schön und was überraschend?

Seit den frühen 1970er Jahren fühle ich mich der Umweltbewegung verbunden. Damals hatte ich das Gefühl, dass es endlich eine Bewegung gab, die mein Unbehagen zum Ausdruck brachte. Vor zehn Jahren, als ich mein Buch über die «Ära der Ökologie» schrieb, fragte ich mich, ob diese Ära bereits vorüber sei. Diese Frage ist nun eindeutig beantwortet. Dass weltweit Massen von Jugendlichen für das Klima auf die Strasse gehen, hätte ich nie für möglich gehalten. Die hätten sich ja auch sagen können, dass es in Norddeutschland oder Skandinavien wärmer wird, ist doch eigentlich ganz schön. Verblüffend fand ich auch, wie abrupt das kam. Im August letzten Jahres setzte sich Greta Thunberg erstmals vor das schwedische Parlament. Bereits wenige Monate später war die Bewegung explosionsartig angewachsen.

Wie ist das zu erklären?

Darüber grüble ich noch immer nach. Heute denke ich, man sollte als Historiker nicht immer nur nach den Ursprüngen, sondern ab und zu auch nach den Zukunftsvorstellungen der Menschen fragen. «Fridays for Future» ist das beste Beispiel: Die haben Angst um ihre Zukunft. Heute Mittag redete ich mit meiner Frau darüber. Sie meinte, Jugendliche würden sehr stark von den Bildern geprägt, die sie in den elektronischen Medien sähen. Wenn sie einen einsamen Eisbären auf einer Scholle dahintreiben sähen, gehe ihnen das zu Herzen.

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