Im Zwergenland des Bisschens

Bild von Willi Heidelbach auf Pixabay

Wer lebt und Augen und Ohren hat, wird rasch feststellen, dass kaum noch ein Mensch in diesem paralysierten Zwergenland in der Lage ist, einen klaren normalen Satz von sich zu geben

Wolf Reiser | TELEPOLIS

Ich bitte Sie nur darum: Hören Sie zukünftig genauer zu. Es vergeht kein Statement, ob vom kleinen Mann auf der Straße oder dem draußen vor dem Bildschirm, von irgendeinem unserer Volksvertreter, Experten, Medienschaffenden oder umnachteter Talkshowhocker – kaum ein Satz kommt ohne „ein bisschen“ aus, nicht selten körpersprachlich untermalt von einer semidramtischen Händegestik, die an die so fürchterlich misslungene Willy Brandt-Statue erinnert.

Was sich für Sie vielleicht anhört wie ein Boulevard-Blabla ist indessen ein alles durchwuchernden Krankheitsbild unserer Verzagung, die lautlos wie ein wild entschlossener Krebs durch unsere Felder und Auen wuchert.

Jogi Löw stammelt zischend um etwas Verständnis ein für „ein bisschen einen harten Generationswechsel“. Norbert Röttgen, der graumelierte Schoßhund von Anne Will, plädiert für ein bisschen mehr Rückgrat gegenüber der Trump-Diktatur. Und ein ferngesteuerter SPD-Trojaner wie Lars Klingbeil steht nach jedem Debakel steinern grinsend vor Mikrophonen und weiß, dass es Zeit wird für ein bisschen mehr Radikalität gerade beim guten Kitagesetz, dem Sozialen und der Bildung. Und dass jeder von uns allmählich ein bisschen mehr für das gute Klima gegen Rechts tun muss, das kacken die Tauben von jeder Dachrinne.

Öffnen Sie bitte nur eine mal zum Spaß eine Stunde ihre Sinne und Sie werden die ellenlange Liste absurdester Verwendungen dieses Indefinitpronomens bemerken. Ein bisschen, das könnte man zur Not visualisieren als einen vorsichtig-winzigen Biss im Sinne des Vorkostens bei Wölfen oder Neandertalern, die erst einmal abchecken, ob der saftige Braten keine Falle darstellt und man der Kost über den Weg trauen kann.

Lange vor der epidemischen Verwendung trug im Jahre 1982 eine jungfräuliche Erscheinung ein Lied vor. Die damals 17-jährige Nicole begleitete sich auf einer taubenweißen Friedensgitarre und gewann für Deutschland den Grand Prix Eurovision de la Chanson. Ornamentiert von Cruise Missiles und regenbogenbunten Friedensmärschen berührte das Mädchen mit der frohen Botschaft die Herzen von gut fünf Millionen Plattenkäufern:

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