Kemalisten laufen Sturm gegen die ARD und einen Türkei-Experten


Einem TV-Bericht über das Massaker an der alevitischen Bevölkerung in Dersim 1937/38 folgte eine Welle der Empörung und des Protests.

Birgit Gärtner | mena-watch

Türkische Soldaten und Zivilbevölkerung in Dersim (Quelle: Turkish Army – Dersim Zaza Platformu, Public Domain)

„Im Sommer 2019 reisten der Hamburger Journalist Karaman Yavuz und die ebenfalls in der Hansestadt lebende Pädagogin und Alevitin Deniz Karakaş nach Dersim, das im Zuge der Türkisierung 1937 in Tunceli – übersetzt „Eiserne Hand“ – umbenannt wurde. Dort lebten mehrheitlich Alevitinnen und Aleviten: Kırmancs, die Kırmanckı (Zazaki) sprechen, sowie  Kurmancs, die Kırdaskı (Kurdisch) sprechen. Vor dem Genozid an der armenischen Bevölkerung lebten dort auch viele Armenierinnen und Armenier, während des Genozids fanden Verfolgte dort Unterschlupf. 1937 lebten dort etwa 150.000 Menschen alevitischen Glaubens, bis heute gibt es dort die größte alevitische Population in der Türkei. Etwa 150.000-200.000 Menschen mit Wurzeln in der Region leben heute in Deutschland.

Das Produkt dieser Reise ist ein Fernsehbeitrag, den das Kulturmagazin „Titel, Thesen, Temperamente“ unter dem Titel „Das vergessene Massaker – Wie Kemal Atatürk Aleviten ermorden ließ“ am 1. Dezember ausstrahlte.

Nach der Sendung richtete sich eine Welle des Protests gegen die ARD. Anhänger Atatürks, Kemalisten genannt, aus dem Aus- und Inland, sahen das Andenken ihres Idols beschmutzt, er sei gar mit Hitler verglichen worden, hieß es. Das stimmt zwar nicht, dazu weiter unten mehr, führte jedoch dazu, dass auch türkische Medien sich mit dem „Skandal“ beschäftigten.

Das veranlasste den promovierten Politikwissenschaftler Burak Çopur, Lehrbeauftragter am Institut für Turkistik der Universität Duisburg-Essen, eine Stellungnahme zu dem Bericht zu verfassen, mit der er die darin getätigten Aussagen stützte. Als Folge dessen gab es einen Proteststurm gegen Burak Çopur, der in der Forderung an die Leitung der Uni gipfelte, ihn zu entlassen. Die stellte sich indes hinter den Türkei-Experten.

Ein Stück Familiengeschichte

Die Zwangsassimilation wurde 1937/38 gewaltsam durchgesetzt, in der offiziellen türkischen Geschichtsschreibung forderten die Übergriffe der türkischen Armee auf die Region 14.300 Todesopfer, Historiker hingegen sprechen von 40.000-70.000 Toten, etwa 12.500 Menschen sollen in Provinzen in der Westtürkei zwangsumgesiedelt worden sein. Menschen wurden erschossen, geköpft, verbrannt, vertrieben, umgesiedelt und im Westen des Landes zwangsassimiliert. Das Gebiet wurde aus der Luft angegriffen und bombardiert, Kinder zur Adoption in türkische Familien gegeben, auf dass aus ihnen gute Patrioten werden.

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