Die Droge als Instrument

Bild von Arek Socha auf Pixabay

Im Fokus der Psychologie und Psychiatrie steht der Mensch, genauer gesagt, stehen menschliches Verhalten und das subjektive Empfinden. Wir wissen, dass beides durch Substanzen, die wir aufnehmen, maßgeblich verändert werden kann.

Christian P. Müller | TELEPOLIS

Die Substanzen, die wir aufnehmen, kann man unterscheiden in solche, die wir zum Überleben unbedingt brauchen, und solche, die eben nicht überlebensnotwendig sind, die aber trotzdem von sehr vielen Menschen regelmäßig konsumiert werden. Zu diesen nicht überlebenswichtigen Substanzen gehören die sogenannten psychoaktiven Substanzen. Psychoaktive Substanzen sind heute definiert als Substanzen mit einer bekannten chemischen Struktur, die mit der Funktion des Gehirns interagieren und subjektives Empfinden oder Verhalten maßgeblich verändern können. Das Problem mit diesen Substanzen ist, dass sie zu Drogensucht führen können, einer weithin bekannten psychiatrischen Erkrankung.

Wenn man sich nun die Verbreitung des Konsums solcher psychoaktiven Substanzen einmal etwas genauer ansieht, zum Beispiel in den USA, ist aus großen Befragungsstudien bekannt, dass mehr als fünfzig Prozent der Amerikaner, die zwölf Jahre oder älter sind, regelmäßig Alkohol konsumieren. Von dieser großen Zahl der Erwachsenen werden jedoch im diagnostisch definierten Bereich etwa lediglich 15 Prozent als tatsächlich süchtig angesehen. Schaut man sich illegale Drogen an, gibt es in den USA geschätzte zwanzig Millionen regelmäßige Konsumenten illegaler Drogen, wie Marihuana, Kokain, Heroin oder der Halluzinogene. Von diesen Menschen ist etwa ein Drittel klinisch relevant süchtig.

In der EU sind die Zahlen ganz ähnlich. Hier haben wir über dreihundert Millionen Menschen, die regelmäßig Alkohol konsumieren. Davon sind geschätzt etwa sieben Prozent tatsächlich drogenabhängig. Bei einer illegalen Droge wie Cannabis finden wir in der EU etwa zwölf Millionen Konsumenten und auch hier etwa ein Drittel davon abhängig. Diese Zahlen zeigen aber auch, dass der größte Teil der regelmäßigen Konsumenten psychoaktiver Substanzen nicht abhängig ist. Andere Befragungen belegen, dass diese Konsumenten im Laufe ihres Lebens auch keine Sucht entwickeln werden. Hier darf und muss man die Frage stellen, wenn es nicht die Sucht ist, die den Konsum in der Population antreibt, welche Mechanismen sind es dann, die dazu führen, dass die meisten Menschen regelmäßig psychoaktive Substanzen konsumieren und das auch über die gesamte Lebensspanne gut kontrollieren können?

Eine Antwort auf diese Frage ist, dass eine Droge von den meisten Nutzern wie ein Instrument konsumiert wird. Um das zu verstehen, sollte man sich zunächst einmal vor Augen führen, was denn überhaupt ein Instrument ist. Man könnte ein Instrument wie folgt definieren: Es ist etwas, das hilft, ein bestimmtes Ziel zu erreichen, welches ohne Zuhilfenahme nicht oder nur mit erheblich mehr Aufwand erreichbar wäre. Bei dem Vorhaben beispielsweise, einen Nagel in ein Holzbrett zu schlagen, wäre das ohne weitere Hilfsmittel relativ schwierig, eventuell schmerzhaft oder schlicht nicht möglich. Nutzen wir aber als Instrument einen Hammer, ist das Einschlagen eines Nagels eine relativ einfach zu bewerkstelligende Tätigkeit.

Um zu verstehen, wie eine Droge als Instrument wirken kann, muss man sich noch eines weiteren Konstruktes bedienen, nämlich des „Mental state“, des geistigen Zustandes, der auch gelegentlich als affektiver oder emotionaler Status bezeichnet wird. „Mental states“ beschreiben die verschiedenen Arbeitszustände unseres zentralen Nervensystems. Wir kennen alle unsere sich ändernden „Mental states“, etwa die Schwankungen unserer „Laune“ über den Verlauf eines Tages. „Mental states“ determinieren, wie wir Sinneseindrücke verarbeiten, wie wir subjektive Empfindungen generieren, wie wir Gedächtnis bilden und Inhalte aus diesem Gedächtnis wieder abrufen. Ganz entscheidend bestimmt unser aktueller „Mental state“, wie wir auf Stimuli reagieren und wie effektiv unser Verhalten dabei ist.

Physiologisch gesehen sind diese „Mental states“ charakterisiert durch die summatorische Aktivität unserer modulatorischen Botenstoffe im Gehirn. Wir verfügen über verschiedenste Botenstoffsysteme, also Neurotransmittersysteme, welche die Arbeitsweise unserer schnellen Signalübertragung im Gehirn hoch- oder runterregulieren können. Es gibt eine große Anzahl solcher modulatorischer Systeme, wie beispielsweise das dopaminerge, das serotonerge oder auch das acetylcholinerge System, jeweils benannt nach dem Botenstoff, den diese Systeme produzieren und zur Signalübertragung nutzen. Diese Systeme sind nicht immer gleich aktiv, sondern weisen verschiedene Aktivitätszustände auf, die zudem unterschiedlich miteinander kombiniert werden können.

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