Der Antisemitismus der anderen: Wie Judenhass in Deutschland von mehreren Seiten politisch instrumentalisiert wird


Nach dem Anschlag von Halle äussern sich deutsche Politiker, als wäre der Antisemitismus erst vor kurzem in ihr Land zurückgekehrt. Dass der Täter durch den Aufstieg der AfD motiviert war, ist unwahrscheinlich. Den Vorwurf, sie bereite den Boden für antisemitische Gewalt, muss sich die Partei dennoch gefallen lassen.

Hansjörg Müller | Neue Zürcher Zeitung

Die deutsche Politik gab sich überrascht und bestürzt. Doch die Worte, mit denen sie dies tat, wirkten merkwürdig routiniert, wenn nicht phrasenhaft, so als glaubten diejenigen, die sie aussprachen, selbst nicht so ganz, was sie da sagten: Von einem «Alarmzeichen» redete Annegret Kramp-Karrenbauer, die Parteichefin der Christlichdemokraten, nachdem ein Attentäter letzte Woche an Jom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag, in der ostdeutschen Stadt Halle zunächst mit Waffengewalt in die dortige Synagoge einzudringen versucht und kurz darauf zwei Passanten getötet hatte. Als «unvorstellbar» bezeichnete Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier die Tat.

Nur fünf Tage vor dem Anschlag, der Steinmeiers Vorstellungsvermögen überstieg, war in Berlin ein Mann mit gezücktem Messer über den Sicherheitszaun der Synagoge in der Oranienburger Strasse geklettert. Anders als in Halle stehen jüdische Gotteshäuser und Einrichtungen in Berlin unter ständiger Bewachung durch die Polizei; der Eindringling konnte überwältigt werden, bevor er irgendjemandem Schaden zufügen konnte. Während der Attentäter von Halle ein 27-jähriger Deutscher ohne Migrationshintergrund war, der nach eigenen Angaben «so viele Antiweisse wie möglich» töten wollte, darunter vorzugsweise Juden, handelte es sich in Berlin offenbar um einen Syrer, der laut Augenzeugen «Allahu Akbar» und «Fuck Israel» gerufen hatte.

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