Good vibes in the brain

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Die Aktivität der Nervenzellen in der Hirnrinde erzeugt die Wellen des EEG. Seit einigen Jahren entdecken Neurobiologen, dass sie mit rhythmischer Stimulation auch auf die Neuronen zurückwirken können

Konrad Lehmann | TELEPOLIS

Vor ungefähr 15 Jahren schleppte meine Doktormutter einen komischen Kauz mit zauseligen Haaren zum Vortrag ins Institut. Günter Haffelder, so hieß der Mann, war Leiter eines selbstgegründeten „Instituts für Kommunikation und Hirnforschung“ und Erfinder einer Wundermethode.

Wie er uns im Vortrag erzählte, leitete er das EEG von Patienten ab, Fourier-transformierte es (aber auf eine irgendwie besondere Weise), um die Signalstärke in den verschiedenen Frequenzbändern zu ermitteln, und stellte so fest, welche Frequenzen angeblich „fehlten“. Dann erzeugte er für jeden Patienten eine spezielle Musik-CD – vorwiegend, selbstredend, mit Mozart-Stücken -, auf welcher er die fehlenden Frequenzen hochgeregelt hatte. Indem die Patienten diese CD hörten, sollten ihre Hirnwellen wieder in Ordnung gebracht und sie geheilt werden.

Und zwar so ziemlich egal, wovon. Depression, Psychose, ADHS, Legasthenie – you name it. Ja, sogar mit Querschnittslähmung hatte er schon vielversprechende Ansätze. Und außerdem war er mit seiner Yacht auch schon bei den Delphinen gewesen und hatte deren Hirnströme gemessen.

Hätte er ein Illuminatenzeichen auf der Stirn tätowiert getragen und von Chemtrails gefaselt, ich hätte nicht skeptischer sein können. Neben all den ganz offensichtlichen Warnzeichen waren daran auch inhaltliche Erwägungen schuld:

Erstens das Problem, dass eine kausale Rolle für die im EEG zu messenden Wellen unbekannt war und nicht wahrscheinlich schien. Diese Wellen entstehen als Feldpotentiale der Ströme, welche die radial zur Schädeldecke angeordneten Nervenzellen in der Hirnrinde bei ihrem Feuern durchlaufen. Wenn im Wachzustand jede Zelle vor und für sich hin rechnet und feuert, dann ist immer was los, aber es summiert sich wenig auf: hohe Frequenz, niedrige Amplitude. Versinkt die Hirnrinde dagegen in Schlaf, dann feuern viele Zellen synchron: niedrige Frequenz, hohe Amplitude. So einfach, so bedeutungslos.

Dass die EEG-Wellen mehr sein sollten als ein Epiphänomen, dass sie sogar kausal auf die Arbeit der Nervenzellen zurückwirken können sollten – dafür gab es keinerlei Anzeichen.

Als zweites erschien mir der Ansatz, die Hirnfrequenzen mit Musik zurechtrütteln zu wollen, auf einer Fehlannahme zu beruhen. Die Frequenzen des Schalls werden in der Hörschnecke umkodiert in eine räumliche Information – Auslenkung der Sinneszellen an bestimmten Stellen der Schnecke – und erscheinen im Gehirn dann nur noch als Feuern bestimmter Neuronen an entsprechenden Stellen.

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