Amri: Wenn eine offizielle Anschlagsversion zusammenfällt wie ein Kartenhaus

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Auch der Ex-Vizechef des Berliner Staatsschutzes kann keine überzeugenden Antworten auf viele offene Fragen und die Rolle des LKA geben

Thomas Moser | TELEPOLIS

Bild: Karl-Ludwig Poggemann/CC BY-SA-2.0

Es sind die deutschen Sicherheitsbehörden selber, die begonnen haben, ihre eigene, offizielle Version vom Anschlag auf dem Breitscheidplatz zu zertrümmern. Was seit drei Jahren der Öffentlichkeit erzählt wird, fällt nun unter dem Druck der Öffentlichkeit zusammen wie ein Kartenhaus.

  • Dass der Attentäter alleine gehandelt haben soll: Das wird von kundigen Beobachtern seit langem angezweifelt. Zum Beispiel fanden sich auf dem Handy eines Amri-Vertrauten mögliche Ausspähfotos vom späteren Tatort Breitscheidplatz, die bereits im Februar 2016 gemacht worden waren.
  • Dass der mutmaßliche Täter Anis Amri erst am Nachmittag des Folgetages festgestanden haben soll: Das kann inzwischen fast als widerlegt gelten. Der Anschlag geschah am Abend des 19. Dezember 2016. Ein Kriminalbeamter aus Nordrhein-Westfalen will bereits am frühen Morgen des 20. Dezember in seiner Dienststelle gehört haben, Amri sei der Täter. Die Zeitung Die Welt schreibt nun, Amri sei am 20. Dezember um 7 Uhr vom Bundeskriminalamt (BKA) und Landeskriminalamt (LKA) Berlin im Polizeiauskunftssystem (Polas) zur Festnahme ausgeschrieben worden.
  • Und dass es der Tunesier Amri war, der den Lastwagen auf den Weihnachtsmarkt gesteuert haben soll: Diese Maßgabe ist mittlerweile ebenfalls fraglich geworden, seit fest steht, dass eine Videoaufnahme nicht zeigt, wie Amri kurz nach der Tat im U-Bahnhof Zoologischer Garten verschwindet, sondern dass er – im Gegenteil – aus ihm herauskommt. Diese Täterfestlegung ist derzeit noch eines der größten Tabus.

Bundesanwaltschaft (BAW) und Bundeskriminalamt (BKA), die Hauptverantwortlichen für die offizielle Anschlagsversion, behaupten, der „Attentäter Amri“ sei nach dem Anschlag, der zwischen 20:02 und 20:03 Uhr geschah, in die U-Bahn am Bahnhof Zoo geflüchtet, wo er um 20:06 Uhr von einer Videokamera aufgezeichnet worden sei. Gegen 21:30 Uhr und 21:50 Uhr sei Amri im Wedding, wo er wohnte, erneut von Videokameras erfasst worden. Amri konnte aus Berlin fliehen, soll sich nach Emmerich in NRW begeben haben und wurde am 23. Dezember 2016 in Italien von Polizisten erschossen. Die Umstände sind ungeklärt.

Die Videoaufnahme, auf die sich die Ermittlungsbehörden BAW und BKA stützen, hat der Rundfunk Berlin Brandenburg (RBB) bereits im August 2019 veröffentlicht. Niemand schien aufgefallen zu sein, dass der Zeitstempel nicht 20:06 Uhr anzeigt, sondern 20:04 Uhr, als Amri in den Blickwinkel einer Kamera gerät.

Offizielle Version steht in Frage

Vor einiger Zeit machte sich der Autor zusammen mit einem Anschlagsbetroffenen auf die Suche nach jenem Tunnel, den Amri gegangen ist und an dessen Ende er demonstrativ den Zeigefinger in die Kamera hält. Die Aufnahme dauert 30 Sekunden, beginnt um 20:04:00 und endet um 20:04:30 Uhr. Ehe Amri aus dem Blickwinkel verschwindet, zieht er noch einen handlichen Gegenstand aus der Anoraktasche, der ein Handy sein könnte. Im und am Tat-LKW sollen am 20. Dezember die beiden Handys von Amri gefunden worden sein. Als er in Italien erschossen wurde, hatte er keines bei sich.

Zunächst war der Tunnelgang im U-Bahnhof Zoo anscheinend nicht zu finden, was daran lag, dass auch wir davon ausgingen, Amri sei in die U-Bahn hineingegangen. Erst als wir die Perspektive änderten, konnten wir den fraglichen Tunnel identifizieren. Er liegt am nördlichen Ende der U-Bahnlinie U9, die sich in dem Doppelbahnhof mit der U-Bahnlinie U2 kreuzt. Amri geht auf dem Video aber nicht zur U-Bahn hinunter, sondern er kommt von ihr und geht nach oben ins Freie. Der Ausgang liegt am Rand des Hardenbergplatzes, der auch als Busbahnhof dient.

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