Religiöse Gefühle und offene Wunden


Mit gläubigen Menschen unterhalten wir uns meistens auf Gefühlsebene, sobald es um ihren Glauben geht. Sachlichkeit fällt da eher schwer. Und dennoch gibt es im Zusammenhang mit Religionen unangenehme Fragen, die angesprochen werden müssen – was eben oft nur sachlich möglich ist.

Dana Jungbluth | Neue Zürcher Zeitung

«Religiöse Gefühle überkamen mich, wie so oft bei christlichen Feierlichkeiten.» (Bild: Goran Basic / NZZ)

Ständig, so scheint es, lesen und sprechen wir davon. Über offenbar nicht wenige Menschen, die sich ob ihrer verletzten Seelen laufend genötigt sehen, die Öffentlichkeit für ebenjene zu sensibilisieren sowie zu Verständnis und Rücksichtnahme auf selbige aufzurufen. Die Rede ist von religiösen Gefühlen. Müssen wir aber stets auf alle Befindlichkeiten unserer Mitmenschen mit Zurückhaltung reagieren, oder ist es nicht vielleicht hilfreicher, ehrlicher und empathischer, diese auch mal unberücksichtigt zu lassen, sich stattdessen der Ursachen anzunehmen und diese zu analysieren, um gegebenenfalls sogar vor Unheil bewahren zu können?

Die Nacht war gerade angebrochen, als ich meine Vorbereitungen für das christliche Fest abgeschlossen hatte. Um mich herum schlief alles, eine angenehme, friedliche Ruhe – Erwartungen lagen in der Luft. Es war die Vorfreude auf das anstehende Weihnachtsfest, das wir Christen alljährlich begehen, um die Geburt Jesu Christi zu feiern. Oder eben aus Tradition. Während viele Kinder vor Aufregung über die baldigen Geschenke vermutlich nur schwer einschlafen konnten, so waren es bei mir die Gedanken um Weihnachten, die mich wach hielten. Religiöse Gefühle überkamen mich, wie so oft bei christlichen Feierlichkeiten. Beschreiben würde ich sie als tiefe Dankbarkeit und Glückseligkeit darüber, Jesus Christus in mir zu tragen. Und das nicht bloss an Weihnachten oder zu Ostern, sondern zu jeder Zeit. An Ostern und Weihnachten jedoch danke ich ganz besonders dafür, dass Jesus uns den Weg zu Gott gezeigt hat. Und er tut es noch immer. Überall. Oft unmerklich, oft schmerzlich. So glaube ich.

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