Der französische Denker Étienne Balibar widmet sich in seiner Essaysammlung „Freie Rede“ der Idee der Unabhängigkeit in Gesellschaften.
Hendrijke Schauer | DER TAGESSPIEGEL

Es ist ein rhetorisches Spiel, das sich so nur in demokratischen Gesellschaften spielen lässt: Aufstehen, seine Meinung äußern, dann behaupten, man könne seine Meinung gar nicht mehr äußern.
Das Spiel hat Tradition: „Die freie Rede“ (La libre parole) hieß ein antisemitisches Journal, das um die Jahrhundertwende erschien. „Frankreich den Franzosen“ lautete der Untertitel. Sein Herausgeber, Édouard Drumont, fehlt in keiner Geschichte des Antisemitismus.
„Die freie Rede“ – so heißt die Essaysammlung von Étienne Balibar, die jetzt in deutscher Übersetzung (Diaphanes, 144 Seiten, 16 Euro) vorliegt, aber nicht. Sie heißt: „Freie Rede“.
Das klinge amerikanischer, nach free speech, schreibt Balibar. Aber auch, dass er diese „fundamentale Idee“ nicht den Rechten überlassen wolle.