„Die Täufer haben die Reformation ernst genommen“


Schwärmer, Ketzer, gefährliche Spinner – das Urteil der Zeitgenossen über die Täufer, allen voran die Reformatoren Luther und Zwingli, war eindeutig. Und noch heute steht es so in theologischen Lehrbüchern. – Der Göttinger Kirchenhistoriker Thomas Kaufmann plädiert in seinem neusten Buch für eine Neubewertung. Im Interview spricht er über die Täufer als Vorreiter einer modernen und aufgeklärten Welt, als früheste Verfechter religiöser Toleranz und Gewissensfreiheit.

Thomas Klatt | evangelisch.de

Ihre Vorgänger an der Universität Göttingen brachten den Theologie-Studenten noch bei, dass die Täuferbewegung eindeutig zu den Negativ-Posten in der evangelischen Kirchengeschichte zählt. Was lehren Sie heute?

Thomas Kaufmann: Das stimmt. Traditionell wird das Täufertum von den Vertretern der Konfessionskirchen immer als eine schlimme Verirrung wahrgenommen. Eine  Chaotentruppe, die Ordnungen in Frage stellt, alles auflösen will. Gefährliche Spinner, falsche Brüder, Spiritualisten, Schwärmer und Ketzer. Die Täufer, also die Wiedertäufer in Münster von 1534 bis 1536, galten als des Teufels. Wie eben auch schon zuvor 1525 Thomas Müntzer als Anführer der Bauernkriege. Aber ich will zeigen, dass das Täufertum ein Spross auf dem Baum der Reformation ist. Das Täufertum geht hervor aus Positionen, wie sie in Zürich von Zwingli, wie sie in Wittenberg von Luther und Karlstadt artikuliert wurden. Das Täufertum ist also Teil eines in sich pluralen Phänomens Reformation.

weiterlesen