„Quantenwirtschaft“


Ein Kommentar zum neuem Buch des „Wirtschaftsphilosophen“ Anders Indset, der von Quantenwirtschaft spricht und wissen will, was nach der Digitalisierung kommt

Lars Jaeger | TELEPOLIS

Der Sycamore-Chip mit 54 Qubits. Bild: Google

„Quantenheilung“, „Quantenresonanz“, „Quantenbewusstsein“ – die Liste der Beteuerungen und Versprechungen, die mit dem Präfix „Quanten-“ daherkommen, ist lang. Die Beschäftigung mit Quanten hat sich in den letzten Jahren zu einem florierenden Geschäftszweig entwickelt. Hier werden große Versprechen abgegeben, von Wunderheilungen, der perfekten Liebesbeziehung, bis hin zur Erfassung der letzten Geheimnisse durch die Verbindung und Quantenphysik und Spiritualität.

„Quanten“ ist unterdessen die perfekte Bezeichnung für so ziemlich alles ist, was sich eigentlich nicht bezeichnen lässt. Da sich die Protagonisten dieser Begriffe zumeist kaum mit der echten Quantenphysik auskennen, müssen sie sich selten für ihr Unwissen rechtfertigen. Das macht den „Eso-Mix für Denkfaule“ perfekt. Als intellektueller Pate der Quantenmystik dient dabei das Phänomen der Verschränkung: „Weit voneinander entfernte Quantenteilchen können physikalisch miteinander verbunden (verschränkt) sein.“ Daraus wird dann: „Alles hängt mit allem zusammen.“ Es sind solche Sätze, die die nach Mystik lechzenden Herzen der Esoteriker höherschlagen lassen.

Um es deutlich zu sagen: Das ist irrsinniger Blödsinn und ein Paradebeispiel für einen Sprung von der Klarheit einer kohärenten und empirisch validierten Physik direkt ins Mystische, ganz ohne argumentative oder diskursive Verbindung. Hieß es früher, wenn man nicht mehr weiter wusste: „Die Wege des Herrn sind unergründlich“, so sagen die Quantenesoteriker heute: „Die Quantentheorie zeigt, dass …“.

Dabei blickt die postphysikalische Quantenbewegung auf eine jahrzehntelange Tradition zurück. In den 1970er-Jahren verfasste der Physiker Fritjof Capra das Buch „Das Tao der Physik“, in dem er behauptete, dass der Mystik der alten Inder nichts Geringeres als die Erkenntnisse der modernen Quantentheorie zugrunde liegen – wenn auch verpackt in poetisch-metaphysischer Form. Die von Capra dargelegten Gedanken fielen auf fruchtbaren Boden, sein Buch wurde zu einer neuen Bibel all jener, die nichts sehnlicher wünschten, als die „durch wissenschaftliche Rationalität entzauberte Weltsicht“ (Max Weber) wieder spirituell aufzufüllen.

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