„Was einst der Priester war, ist heute der vegane Ernährungsberater“


In London hat ein Gericht der Klage eines Mannes recht gegeben, der seinen Veganismus als Kündigungsgrund angegeben hatte. Das sei ein „religiöser Glaube“ und falle unter das Diskriminierungsverbot. Ist Ernährung wirklich eine Religion? Pro und Contra.

Reinhard Mohr, Adriano Sack | WELT

Es ist nur gut 100 Jahre her, dass in Deutschland ein bunter Strauß neuer, sektenartiger Zivilreligionen entstand – dies- und jenseits des Christentums. Ob Nudisten oder Lebensreformer, Sonnenanbeter oder Wandervögel – allen gemein war, im diffusen Gefolge Friedrich Nietzsches, die tiefe Sehnsucht nach einer Rückkehr zur Natur, zu vitaler Ursprünglichkeit, Wahrheit und existenzieller Ungebundenheit, Freiheit und Authentizität.

Auch wenn nicht jeder ein kleiner Zarathustra werden konnte – die religiöse Mystik der wahren Empfindung, die damals auch der Dichter Rilke bediente, webte und schwebte plötzlich in allen Dingen.

Man sang und tanzte nach Leibeskräften, entledigte sich der Kleider und wollte – nackt und befreit von allen bürgerlichen Konventionen – noch einmal ganz von vorn anfangen. O Mensch! Die überkommene Zivilisation wurde für verderbt und anachronistisch erklärt. Die „kalte“ Rationalität der europäischen Aufklärung – von Voltaire bis Hegel – denunzierte man als Zwangsjacke der Vernunft, aus der man ausbrechen musste.

weiterlesen