Schweiz: Der Deal mit dem kroatischen Faschisten – wie die Bundesanwaltschaft 1947 dem «Schlächter vom Balkan» half


Nach dem Krieg benützen zahlreiche Faschisten die Schweiz als Ziel- oder Durchgangsland. Einer von ihnen ist der Kroate Andrija Artukovic, der «Schlächter vom Balkan» – ein Blick zurück.

Jürg Schoch | Neue Zürcher Zeitung

Die USA lehnen 1959 die Auslieferung von Artukovic (Mitte; hier bei einem Hearing im März 1958) an Jugoslawien ab. Mitchell / Corbis / Getty

Freiburg, 20. November 1946. Im Gebäude der Kantonspolizei sitzt dem Beamten Tinguely ein freundlicher Herr gegenüber. Er stellt sich als Alois Anich vor und schildert dem Polizisten seine Flucht aus Kroatien nach Österreich. Weil ihn die Ozna, Titos Geheimpolizei, auch dort verfolgt habe, sei er weitergereist Richtung Schweiz. Am 13. November habe er bei Buchs heimlich die Grenze überschritten und sei im Zug nach Freiburg gefahren, wo ihn Landsleute im Franziskanerkonvikt Marianum, Petit-Rome 9, schon erwartet hätten. Tinguely will wissen, welcher Beschäftigung er einst nachgegangen sei. Anich gibt an, während Jahren an kroatischen Gymnasien Geschichte unterrichtet zu haben. Und politische Aktivitäten? Katholischen Gremien habe er angehört und antikommunistische Vorträge gehalten. Schliesslich bittet der Flüchtling, hier bleiben zu dürfen, um seine Weiterreise nach Südamerika vorzubereiten.

Zimmerherr eines Beamten

Für den Polizisten Tinguely sind Anichs Angaben «glaubhaft», und da der Name dieser «wichtigen Persönlichkeit des katholischen Kroatien» auf keiner Fahndungsliste vermerkt ist, stellt ihm die Eidgenössische Fremdenpolizei (Frepo) wenig später eine Toleranzbewilligung aus. Die für den Staatsschutz zuständige Bundesanwaltschaft ist einverstanden, empfiehlt aber, den «Professor» in einem «Intellektuellenheim» zu internieren. Nicht nötig, schreibt der katholisch-konservative Freiburger Staatsrat Paul Torche in merkwürdig rätselhaften Worten zurück. Anich sei nun bei Monsieur Roschy einquartiert, der ihm «diskret Asyl gewähren kann, was für seinen Fall angezeigt ist». Roschy, in jungen Jahren Schweizergardist, arbeitet als Sekretär im Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartement in Bern.

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