Hirnforscher: "Kinder machen sich aus Liebe zu Eltern selbst unglücklich"


Der bekannte Hirnforscher Gerald Hüther erklärt, wie wir Kindern unbewusst die Freude am Lernen nehmen und damit ihr Potenzial vernichten

Interview Nadja Kupsa | DERSTANDARD

„Für die Gehirnentwicklung ist es enorm wichtig, dass die Eltern das Kind ohne Anleitung spielen lassen“, sagt Hirnforscher Gerald Hüther. Foto: Getty Images/Orbon Alija

Ihr Kind will geliebt werden, es liebt Sie – und es will Sie glücklich machen. Damit verraten wir Ihnen bestimmt nichts Neues, das klingt wunderbar. Doch wenn das Kind versucht, sich den Erwartungen der Eltern komplett anzupassen, dann verliert es an Spontanität, Lebensfreude und Sinnlichkeit, wie der Hirnforscher Gerald Hüther meint.

STANDARD: In Ihren Vorträgen und Büchern plädieren Sie immer wieder dafür, dass Eltern ihren Kindern das freie Spiel ermöglichen sollen. Was heißt das, und warum ist es so wichtig?

Hüther: Wenn Kinder spielen, ohne von Erwachsenen angeleitet zu werden, dann lernen sie. Man darf dem Kind nicht zeigen, wie man malt. Sie müssen es selbst herausfinden. Jede neue Entdeckung, jede neue Erkenntnis und jede neue Fähigkeit löst dabei im Gehirn des Kindes einen Sturm der Begeisterung aus. Diese Begeisterung über sich selbst und über all das, was es noch zu entdecken gibt, ist der wichtigste Treibstoff für die weitere Entwicklung des Gehirns. Deshalb lernt jedes Kind all das besonders gut, was Begeisterung in ihm auslöst.

STANDARD: Nun, gerade kleine Kinder entwickeln beim Spielen oft eine ausgeprägte Entdeckerfreude. Eltern müssen dann Grenzen setzen und dem Kind Dinge verbieten. Was passiert dann im Gehirn des Kindes?

Hüther: Wenn das Kind immer wieder die gesamte Küchenausstattung in den Schränken ausräumt, stoßen Eltern vielleicht an ihre eigenen Kapazitäten dieser Entdeckerfreude. Sie verbieten es. Das Kind merkt also, dass dies nicht erwünscht ist. Folglich werden im Gehirn des Kindes synaptische Hemmungen auf jenen Bereich gelegt, der für die Entdeckerfreude und Begeisterung verantwortlich ist. Das Gleiche passiert, wenn ein Kind ein wahnsinniges Bedürfnis hat, sich zu bewegen, und sich schwertut, am Tisch zu sitzen. Es wird irgendwann womöglich merken, dass es beim Versuch, sich zu entfalten, an Grenzen stößt. Es wird also gezwungen, dieses Bedürfnis zu unterdrücken.

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