Indien: Weiter rudern in der Kloake


Im südindischen Chennai wird schon eine effiziente Lösung praktiziert, um Indiens Wasserkrise zu beenden. Lieber wird aber in fragwürdige Großprojekte investiert, während sich die Abwasserflüsse und Kloakenseen ausbreiten

Gilbert Kolonko | TELEPOLIS

Der Adyar River und die anderen beiden Flüsse Chennais, bestehen zu dieser Jahreszeit fast nur aus Abwässern. Foto: Gilbert Kolonko

Vor mir dichtes, grünes Gras, so weit das Auge sehen möchte. Dazu weist ein Schild der Naturschutzbehörde von Tamil Nadu darauf hin, kein Plastik in die hiesigen Pallikanarai-Feuchtgebiete zu werfen. Doch schon die Nase sagt, dass hier etwas stinkt.

Ein Blick nach links zeigt einen Abwasserkanal, der eine schwarze Brühe in die Feuchtgebiete leitet. Die weißen Punkte in der Ferne sind auch keine Spot Bill Ducks, die laut Schild der Naturschutzbehörde im Gras versteckt sein sollen, sondern Hochhäuser und Fabrikgebäude. Direkt hinter mir rast eine Blechlawine auf der vierspurigen Tambaram Main Road in den nächsten Stau der 10-Millionen-Einwohner-Metropole.

Vier Kilometer weiter Richtung Stadtmitte liegt der Velachery Lake. Ein Ring von Häusern um den See deutet an, warum seine Fläche von 107 Hektar auf 20 geschrumpft ist. Noch immer könnte er mit Millionen Litern von Süßwasser eine Quelle für Trinkwasser sein, doch ein Abwasserkanal leitet seine stinkende Brühe in den See.

Leere Wasserspeicher

Die Feuchtgebiete von Chennai erstreckten sich früher über 200 Quadratkilometer. Bis 1980 schrumpften sie moderat und hatten noch eine Fläche von 186,3 km². Heute weisen sie nur noch 15 Prozent ihrer einstigen Größe auf, wie eine Studie des CareEarth Trust aufzeigt. Hauptgründe sind der Boom von IT-Unternehmen im Süden von Chennai und allgemein das Wachstum des Immobilienmarktes.

„Seit mehr als zwei Jahrzehnten weisen Wissenschaftler und Umweltschützer daraufhin, dass Chennai auf eine Wasserkatastrophe zurast“, sagt Dr. Avilash Roul vom Indian Institute of Technology (IIT) aus Chennai. „Doch es brauchte erst das schwere Hochwasser im Jahr 2015, damit die Verantwortlichen aufwachten.“ Früher hätten die Feuchtgebiete mit ihren Seen und Zuläufen einen großen Teil des Wassers aufgenommen und so die Flutschäden gelindert. Dazu hätten sie auch als Wasserspeicher gedient, erklärt Avilash.

Doch diesen Sommer waren fast alle natürlichen und von Menschen gebauten Wasserspeicher Chennais leer. Auch der 235 Kilometer entfernte Veeranam-See, aus dem Chennai sonst 35 Prozent seines Wasserbedarfs deckt. Die Metropole musste mit Zügen voll Trinkwasser aus dem benachbarten Bundesstaat Kerala versorgt werden.

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