Amri: Der doppelbödige Terrorkomplex

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Der Untersuchungsausschuss des Bundestages findet Belege dafür, dass die BKA-Führung doch in die Affäre um eine wichtige Quelle involviert war

Thomas Moser | TELEPOLIS

Bild vom Abend des Anschlags am Breitscheidplatz: Andreas Trojak / CC-BY-2.0 / Grafik: TP

Wenn, wie jetzt am 16. Januar, die interne Beratungssitzung eines Untersuchungsausschusses, die der öffentlichen Sitzung vorausgeht, sich über vier Stunden hinzieht, statt wie normalerweise eine Stunde zu dauern, muss es viel zu klären geben. Der im November 2019 zutage getretene Konflikt zwischen dem Landeskriminalamt von Nordrhein-Westfalen (NRW) und dem Bundeskriminalamt (BKA) um eine V-Person in der dschihadistischen Szene bestimmt weiterhin die Tagesordnung. Unterlagen belegen, dass die BKA-Spitze in der Affäre tatsächlich eine aktive Rolle spielte.

Ein Kriminalbeamter des Düsseldorfer LKA hatte vor zwei Monaten im Ausschuss als Zeuge ausgesagt, BKA und Bundesinnenministerium (BMI) wollten ihre wichtigste Quelle „aus dem Spiel nehmen“. Diese Quelle überwachte den späteren angeblichen Attentäter Anis Amri, lieferte aber vor allem Informationen über den mutmaßlichen IS-Statthalter in Deutschland Abu Walaa. Die große Frage ist nun, welche Agenda das oberste bundesdeutsche Kriminalamt verfolgt. Sichtbar gemacht hat der anhaltende Konflikt vor allem eine befremdliche Doppelbödigkeit des gesamten Komplexes um den Terroranschlag auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz in Berlin, dem am 19. Dezember 2016 zwölf Menschen zum Opfer gefallen sind.

Zu dieser Doppelbödigkeit zählt auch eine Videoaufnahme, die den Tunesier Amri wenige Minuten nach dem Anschlag in einem Tunnelgang des nahegelegenen U-Bahnhofs Zoo zeigt. Für die Bundesanwaltschaft (BAW) gilt dieses Video als Beleg, dass der angebliche Attentäter mittels U-Bahn vom Tatort geflohen ist und sich zu seiner Unterkunft im Stadtteil Wedding begeben hat, ehe er die Stadt verließ. Er wurde vier Tage später in Italien getötet.

Tatsächlich kann das U-Bahn-Video diese Täter- und Nachtatversion der BAW gerade nicht belegen. Es zeigt nämlich, dass Amri den U-Bahnhof Richtung Ausgang verlässt und nicht, dass er zur U-Bahn hinunter geht.

In den Untersuchungsausschüssen des Bundestags und des Abgeordnetenhauses von Berlin hat diese Entdeckung bisher nicht zu Konsequenzen geführt. Einige Abgeordnete schienen den entscheidenden Sachverhalt noch nicht realisiert zu haben – dass Amri eben nicht flüchtet, sondern da bleibt oder gar erst ankommt. Andere Abgeordnete erklärten im Gespräch aber, die Sache müsse aufgeklärt werden. Ein Mitglied des Bundestagsausschusses sagte, er halte Amri zwar nach wie vor für den LKW-Täter, das Video mit ihm im U-Bahn-Korridor sei aber aufklärungsbedürftig.

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