75 Jahre nach Auschwitz: Gedenken an den Holocaust, aber wie?


Wo ist die Grenze zwischen Gedenkkultur und Vereinnahmung des Gedenkens? Ein Besuch in Auschwitz kurz vor den Feierlichkeiten zum 75-Jahr-Jubiläum der Befreiung

Mia Eidlhuber, Karin Pollack | DERSTANDARD

„Oswiecim“ steht auf dem Schild auf der Innenseite des Busses, der um 7.10 Uhr im winterlichen Morgengrauen aus Krakau losfährt. Aber „Oswiecim“, diese südpolnische Stadt mit ihren rund 38.000 Einwohnern 50 Kilometer weiter westlich, ist gar nicht das eigentliche Ziel der verschlafenen, in Daunenmänteln verpackte Touristen, die sich da frühmorgens auf die Fahrt gemacht haben durch im Nebel liegende polnische Landschaften, die draußen vor dem Busfenster vorbeiziehen: graue Wohnkomplexe, schmucklose Häuschen, kahle Bäume und viel Wald. „Kontaminierte Landschaften“ muss man denken, wenn man zum Beispiel Bücher des österreichischen Schriftstellers und Polen-Experten Martin Pollack gelesen hat, der diesen Begriff für Landstriche im Nachkriegseuropa geprägt hat, die grauenvolle Geheimnisse unter sich begraben haben.

„Kontaminierte Landschaften“ muss man aber auch denken, weil hier im Bus alle wissen, wohin die Reise geht. „Oswiecim“ steht knapp eineinhalb Stunden später noch einmal auf einem Schild, an dem der Bus abbiegt, aber darunter groß der deutsche Name der Stadt, der das eigentliche Ziel dieser Reise ist: Auschwitz. Da sind wir schon fast da, an dem Ort, der weltweit zum Symbol für das größtmögliche Grauen, für die menschliche Katastrophe schlechthin geworden ist und für den Massenmord an unzähligen Menschen, den Genozid an Millionen Juden, steht.

Zwei Millionen Touristen

Wer Mitte Jänner in Auschwitz aus dem Bus steigt und über den Parkplatz in Richtung Museum geht, ist angespannt, weil jeder ein Bild von diesem Ort in sich trägt. Obwohl viele Menschengruppen herumstehen und auf ihren Slot zum Einlass in die Gedenkstätte warten, ist es gespenstisch still, sogar eine Jugendgruppe aus Italien steht schweigend beisammen. Rund zwei Millionen Touristen kommen jährlich hierher, um das KZ Auschwitz I und das KZ Auschwitz-Birkenau zu besuchen – die ehemaligen Konzentrationslager, deren Befreiung durch die Rote Armee am 27. Jänner 75 Jahre zurückliegen wird.

weiterlesen