Die Ermordung der Juden in Auschwitz war ein offenes Geheimnis


Auch in Deutschland hatte der Name Auschwitz schon im Krieg den Beiklang von Tod und Vernichtung. Doch die Rassenideologie erleichterte es den Deutschen, die Verbrechen zu übersehen.

Andreas Ernst | Neue Zürcher Zeitung

Das Gelände der IG Farben im Konzentrationslager Auschwitz Monowitz (Auschwitz III). Die Firma arbeitete eng mit der SS zusammen. Liess die Arbeitskraft der Gefangenen nach, wurden sie im Vernichtungslager getötet. Die Firmenleitung war im Bild.  EPA

Im Spätsommer 1943 erhielt die junge Berliner Lehrerin Marianne B. die Weisung, auf Schulbeginn den Dienst im Gymnasium von Auschwitz anzutreten. Sie hatte sich freiwillig für den Einsatz im Osten gemeldet. Von Auschwitz hatte sie zuvor noch nie gehört. Der Bürgermeister führte sie durch die Kleinstadt mit 28 000 Bewohnern. «Nun kommt die Hauptsache», sagte er, nachdem sie das Zentrum der Stadt verlassen hatten. «Dort drüben hinter den Wiesen ist ein Konzentrationslager. Die Insassen sind meist Polen und Juden aus ganz Europa. Jede Woche kommen mehr dazu, aber die Zahl bleibt immer dieselbe.» Dabei, so schrieb Marianne B. später in ihr Tagebuch, habe er sie durchdringend angeschaut. Der Judenmord war ein offenes Geheimnis.

Die Frage, wer wann was gewusst hat über den Völkermord an den europäischen Juden, beschäftigt Richter und Historiker seit Ende des Krieges. Sie versuchen so, Täter und Mitwisser zu identifizieren, aber auch die Frage zu beantworten, weshalb die Alliierten nicht versuchten, das Morden zu unterbinden. Warum wurden die Anlagen nicht bombardiert? Warum die Schienen der Todeszüge nicht zerstört?

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