Adorno, Hegel und die «Wirtschaftswaisen»


Die Verschreibung erweist sich für den Geist mitunter als anregender denn die sklavische Befolgung von Regeln.

Konrad Paul Liessmann | Neue Zürcher Zeitung

Lars P. Feld (2. v. l.) und andere Wirtschaftsweise in Berlin. Jens Schicke /imago-images.de

Voller Stolz berichtete die Österreich-Ausgabe der Wochenschrift «Die Zeit», dass der aus Baden bei Wien stammende Erfolgsschriftsteller Marc Elsberg mit Lars Feld, einem der deutschen «Wirtschaftswaisen», über Egoismus und Kapitalismus diskutieren durfte. Der Leser stutzt. Ein sinnstörender Fehler in einem renommierten Organ? Die fatalen Auswirkungen der unseligen Rechtschreibreform in den oberen Etagen des deutschsprachigen Feuilletons? Ein schlichtes Versehen? Ein zu Unrecht angenommener Vorschlag des automatisierten Korrekturprogramms? Ein schlampiges oder gar unterbliebenes Lektorat? Oder doch Ausdruck jener unbewussten Ängste und Wünsche, die nach Sigmund Freud die wunderlichsten Fehlleistungen und Verschreibungen produzieren?

Was für ein Reichtum an Assoziationen eröffnete sich durch diese Erinnerung an die Psychopathologie des Alltagslebens! Die Wirtschaftswaisen: Losgelöst von ihrer geistigen Mutter, der Ökonomie, versorgen sie die deutsche Bundesregierung mit Prognosen unschuldiger Ahnungslosigkeit. Vielleicht aber haben die vermeintlichen Vordenker ihre Wissenschaft verwaisen lassen und begnügen sich mit Ideologie und Propaganda.

Denkbar auch, dass die Wirtschaftsweisen, geht es zur Sache, wahrlich keine Waisenknaben sind. Und von Ferne winken jene verarmten, aus den Märkten verstossenen Waisenkinder, denen die Wirtschaftsweisen nicht helfen können oder wollen.

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