Die verpassten Chancen des Brexits


Der Austritt des Vereinigten Königreichs aus der EU wird zur Tatsache. Die EU verliert eines ihrer bedeutendsten Mitgliedsländer. In Brüssel wird jedoch so getan, als ob nichts geschehen wäre. Dabei wäre der Brexit eine Chance für neue Konzepte der Zusammenarbeit.

Gerald Hosp | Neue Zürcher Zeitung

Der britische Europaparlamentarier Jonathan Bullock tritt aus Brüssel mit erhobenem Union Jack ab. Francisco Seco / AP

«In the nightmare of the dark,
all the dogs of Europe bark.»
W. H. Auden

Die Mitgliedschaft des Vereinigten Königreichs in der Europäischen Union ist Geschichte. Zwar ändert sich nach dem formellen Brexit noch nicht viel, und doch ändert sich zugleich alles. Zunächst sind es kleine Gesten: In Brüssel wird eine der britischen Flaggen, die zuvor vor den Institutionen der EU gehisst waren, symbolträchtig ins Haus der Europäischen Geschichte gebracht. Und auf der Insel werden rund drei Millionen 50-Pence-Erinnerungsmünzen unters Volk gebracht. In einer historischen Betrachtung allerdings wird der Tag des Austritts möglicherweise nichts Besonderes sein. Denn es ist eine Konstante seit Jahrhunderten, dass sich Britannien immer wieder in die Geschichte Kontinentaleuropas einmischte und sich dann abwandte, um sich später Europa wieder zuzuwenden.

Der Sprung ins Ungewisse

Die gemeinsame Geschichte ist dabei mit Missverständnissen gepflastert. So erschien vor mehr als hundert Jahren das Pamphlet «Händler und Helden: Patriotische Besinnungen» des deutschen Nationalökonomen Werner Sombart. Man schrieb die Zeit des Ersten Weltkriegs, Deutschland stand mit dem Vereinigten Königreich im Krieg. Sombart stilisiert diesen als eine Schlacht der Weltanschauungen: Während die Engländer, beseelt von ihrem Krämergeist, pragmatisch Kosten-Nutzen-Rechnungen anstellten, seien die Deutschen von idealistischen Ideen getrieben und für grosse Taten ausersehen, phantasierte Sombart. Diese Charakterisierung der Briten findet sich bis heute regelmässig auf dem Kontinent.

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