Wenn Geisteswissenschaften die Methoden der Evolutionstheorie übernehmen


Die Trennung der Geistes- und Naturwissenschaften ist eine Erfindung des 19. Jahrhunderts. Forschung muss sich über solche künstlichen Grenzen hinwegsetzen.

Gerhard Lauer | NZZamSonntag

Wir sind die letzten Überlebenden aus einem Busch von Homininen. Unsere Verwandten wie die Neandertaler, der Homo floresiensis oder die Denisova-Menschen sind vor mehreren zehntausend Jahren ausgestorben. Wir sind übriggeblieben. Zufall dürften dabei eine nicht zu unterschätzende Rolle gespielt haben, dass es uns noch gibt. Denn Infektionskrankheiten oder rasche Veränderungen der Umwelt haben unsere Vorfahren wiederholt aussterben lassen.

Ein Faktor, warum es den Menschen entgegen aller Wahrscheinlichkeit doch noch gibt, hat mit einer Besonderheit der menschlichen Evolution zu tun, die quer zu dem steht, was viele mit Evolution verbinden, mit Kultur.

«Nichts über Kultur hat Sinn, es sei denn im Licht der Evolution», schreiben 2006 programmatisch die beiden Evolutionsbiologen Peter Richerson und Richard Boyd. Ihre Absicht ist es zunächst, dem Umstand Rechnung zu tragen, dass die Gesetze der Evolution nicht aufhören zu gelten, seit Kultur ins Spiel gekommen ist.

Genauer vertreten Richerson und Boyd die These, dass Kultur ein wesentlicher Mechanismus in der biologischen Evolution des Menschen ist. Sie sind überzeugt, das sowohl kulturelle Prozesse die genetische Evolution beeinflussen wie auch umgekehrt die Biologie die Kultur beeinflusst.

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