„In vier Monaten haben wir die nächste große Krise“

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Gerald Knaus gilt als Kopf hinter dem EU-Abkommen mit der Türkei. Im Interview zieht er eine Zwischenbilanz und warnt vor Europas noch größeren Problemen.

Georg Ismar, Andrea Dernbach | DER TAGESSPIEGEL

;Eine Mutter und ihr Kind in einem improvisierten Lager beim Camp Moria auf Lesbos versuchen sich zu wärmen.Foto: ARIS MESSINIS / AFP

Gerald Knaus wurde 1971 in Österreich geboren, studierte in Rom, Bologna und Oxford und arbeitete viele Jahre für NGOs, die UN und an Universitäten, darunter Harvard. In einem Café in Sarajevo gründete Knaus mit Freunden 1999 die „European Stability Initiative“ (ESI). Hauptgeldgeber sind heute die Stiftung Mercator und Schwedens Behörde für Entwicklungszusammenarbeit. ESI ist für Migrationskonzepte bekannt. Die Denkfabrik arbeitet aber auch zu Korruption und Demokratieabbau. Expertise-Schwerpunkt sind Südost-, Osteuropa und die Türkei.

Herr Knaus, die Bilder von den griechischen Inseln gehen ans Herz, außer Appellen passiert aber wenig.
Ich war im Dezember 2018 auf Lesbos, und die Situation war damals schon inakzeptabel. Zu wenig Unterkünfte, Ärzte, Sicherheit, erniedrigende Prozeduren, etwa bei der Essensvergabe, und Orientierungslosigkeit aller, die dort ankamen. Niemand konnte erklären, wer wie lange bleiben müsse. Damals war es fünf vor zwölf. Heute ist es fünf nach zwölf, die Situation noch um vieles schlimmer. So wie die EU und griechische Behörden dort seit Jahren agieren wird alles in naher Zukunft zusammenbrechen.

Die Vermutung vieler Kritiker der EU-Migrationspolitik ist: Die Lage auf den Inseln ist gewollt, sie schreckt andere Menschen von Fluchtplänen ab.
Selbst wer so zynisch denkt, muss heute zugeben: Es funktioniert nicht. Zwischen September und November 2019 kamen in drei Monaten 30.000 Menschen. Im letzten Jahr kamen 74.000 Menschen aus der Türkei nach Griechenland. Rechnen Sie das hoch auf die Bevölkerung: Das entspräche in Deutschland 600.000! Seit Jahren hören wir: „2015 darf sich nicht wiederholen.“ Doch Griechenland erlebte gerade ein 2015, und es wird 2020 wohl noch schlimmer, wenn nichts passiert. Auch wenn deutsche Städte lobenswerterweise anbieten, einige Tausend Menschen aufzunehmen: Allein löst das die Krise nicht. Dafür braucht es eine Strategie.

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