„Das Judentum auf so drastische Weise anzugreifen, ist eklig“


Der Anblick der „Judensau“ an der Fassade seiner Kirche, erfüllt den Wittenberger Pfarrer Johannes Block mit Scham. Warum lässt er sie dann nicht entfernen?

Antonie Ritzschel | Süddeutsche Zeitung

Ein Sandsteinrelief an der Fassade der Wittenberger Stadtkirche Sankt Marien beschäftigt seit Monaten die Justiz. Die Darstellung aus dem 13. Jahrhundert zeigt einen Rabbiner, der einem Schwein in den Anus schaut, während als Juden gekennzeichnete Männer an dessen Zitzen saugen. Das Mitglied einer jüdischen Gemeinde will die Entfernung der „Judensau“ gerichtlich durchsetzen und hat gegen die Kirchengemeinde geklagt. Ohne Erfolg. Das Oberlandesgericht in Naumburg wird die Berufung gegen ein früheres Urteil am Dienstag wahrscheinlich ablehnen. Johannes Block ist Pfarrer in Wittenberg und verteidigt die Entscheidung der Gemeinde, die Schmähplastik hängen zu lassen.

SZ: Herr Block, Sie sind seit 2011 Pfarrer in Wittenberg. Wie haben Sie reagiert als Sie zum ersten Mal die mittelalterliche Schmähplastik an der Fassade Ihrer Kirche entdeckten?

Johannes Block: Ich war erschrocken und empört. Das Judentum auf so drastische Weise anzugreifen, ist eklig und geschmacklos. Als Pfarrer erfüllt es mich auch mit Scham und Schmerz, dass diese Plastik an der Fassade unserer Kirche hängt.

Sie können die Gefühle des Klägers, der das Relief für eine Beleidigung gegen das gesamte Judentum hält, also nachvollziehen?

Ich verstehe jeden, der sich durch den Anblick der Plastik verletzt fühlt. Aber die Gerichte haben festgesellt, dass es sich nicht um eine Beleidigung im juristischen Sinne handelt – und schon gar nicht von Seiten der Stadtkirchengemeinde Wittenberg. Wir haben die Plastik nicht initiiert, sondern versuchen mit diesem schwierigen Erbe verantwortlich umzugehen.

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