„Der Selbstbetrug der Bürger wird immer absurder“


Umweltexperte Rainer Grießhammer über Rollenkonflikte, effizienten Klimaschutz und die vielen Vorzüge eines Tempolimits.

  • Umweltexperte Rainer Grießhammer im Gespräch
  • Eine engagierte Klimaschutzpolitik wird gefordert
  • Tempolimit gefordert

Joachim Wille | Frankfurter Rundschau

Den Müll zu trennen, Energiesparlampen zu nutzen und im Bioladen einzukaufen, macht einen noch nicht zum Klimaschützer, sagt der renommierte Umweltexperte Rainer Grießhammer. Im Interview erklärt er, wo die Bürgerinnen und Bürger wirklich viel Kohlendioxid einsparen können und an welchen Stellschrauben die Politik dringend drehen muss, wenn die Klimakatastrophe noch verhindert werden soll.

Professor Grießhammer, in Ihrem neuen Buch zur Klimakrise fordern Sie, dass man „Jetzt Politik und Leben ändern“ muss. Reicht die Politik nicht aus? Appelle an den Einzelnen, klimafreundlich zu leben, haben bisher wenig gefruchtet. Trotz Fridays for Future boomen die SUV-Verkäufe, und geflogen wird kaum weniger als bisher.

Gute Politik ist natürlich die Voraussetzung, aber reicht alleine nicht aus. Bei Transformationen wie der Energiewende und wirksamem Klimaschutz muss es Veränderungen in mehreren gesellschaftlichen Bereichen geben – im Wertesystem, im Verhalten der Konsumenten, bei den gesetzlichen Rahmenbedingungen und im Markt, ebenso bei den Infrastrukturen und der Technologieentwicklung. Das beeinflusst und verstärkt sich gegenseitig. Man muss also Verhalten und Verhältnisse ändern.

Aber die Beharrungskräfte sind doch groß. Wer mit seinem SUV gerne auch mal mit Tempo 60 durch die Stadt brettert, wird nicht für Radverkehr und Tempo 30 eintreten oder dementsprechend wählen …

Die Wechselwirkung ist sogar noch enger. Denn als Bürger hat man ja mehrere Rollen: Man ist Konsument, Arbeitnehmer, Wähler, Mieter oder Eigentümer, genervter Anwohner und Aktivist, ADAC- und BUND-Mitglied, und Auto-Fahrer, der sich zugleich um die eigenen radfahrenden Kinder sorgt. Die Rollen klaffen immer weiter auseinander, der Selbstbetrug der Bürger wird immer absurder – das hat Fridays for Future sehr deutlich aufgezeigt.

weiterlesen