Theologe Bülent Uçar über Niqabs: „Kein religiöses Gebot“


Der Gesichtsschleier ist eine Randerscheinung in der islamischen Welt, sagt der Osnabrücker Theolologe Bülent Uçar. Dennoch sei er zu respektieren.

Harff-Peter Schönherr | taz

taz: Herr Uçar, warum tragen Frauen hier in Deutschland den Niqab? Er ist doch ursprünglich ein männliches Kleidungsstück aus der Beduinenkultur.

Bülent Uçar: Der Gesichtsschleier ist natürlich in der Wüste sehr verbreitet gewesen, um sich vor Sand und Sonne zu schützen. Aber er verfügt auch über eine religiöse Komponente. Allerdings hat sich der Gesichtsschleier im islamischen Kulturkreis nie sehr verbreitet. Er war immer eine Randerscheinung; in der Geschichte und in unserer Gegenwart. Es gab Gebiete in der sogenannten islamischen Welt, in denen der Niqab eine gewisse Verbreitung erfahren hat, insbesondere auf der Arabischen Halbinsel, wohingegen in Nordafrika, auf dem Balkan, in Anatolien, in Zentralasien, in Persien, der Niqab überall eine Marginalie war.

Wer hat ihn denn getragen?

Das waren meist Hofkreise – als Mittel, sich vom gemeinen Volk abzuheben. Prinzessinnen haben etwa den Gesichtsschleier getragen im Mittelalter. Für die Bevölkerung war er weitestgehend randständig.

Scheikh Khaled Omran hat als Generalsekretär des Fatwa-Rates der Al-Azhar-Universität in Kairo gesagt, aus der Scharia, dem islamischen Recht, gehe nichts über das Tragen eines Gesichtsschleiers hervor.

Man darf es sich nicht zu einfach machen. Die Frauen, die den Gesichtsschleier tragen, tragen ihn in der Regel aus einer religiösen Grundmotivation. Aber natürlich kommen darin auch politische Protesthaltungen gegenüber dem gesellschaftlichen Status quo zum Ausdruck, bei manchen stecken möglicherweise auch Diskriminierungserfahrungen dahinter. Der Gesichtsschleier hat daneben religiöse Hintergründe; es gibt eine Lesart, etwa einige Überlieferungen in der Sunna, die durchaus geeignet sind, ihn zu legitimieren. Aber der Gesichtsschleier ist kein religiöses Gebot, keine normative Pflichthandlung, es gibt für ihn keine Grundlage im Koran.

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