Darwins Schildkröte, Derridas Katze: Tiere sehen uns an


Warum redet die Philosophie so häufig die Denk- und Empfindungsfähigkeit von Tieren klein? Der Philosoph Jacques Derrida – und mit ihm unser Kommentator David Lauer – sieht darin eine Strategie, die Grausamkeiten zu legitimieren, die wir Tieren antun.

David Lauer | Deutschlandfunk Kultur

„Lonesome George“ starb 2012 – als vermeintlich letzter seiner Art. Jetzt hat man auf den Galapagosinseln doch noch ein Weibchen seiner Spezies gefunden. (Getty Images / Collart Hervé)

Der Philosoph Jacques Derrida hat einmal die verstörende Erfahrung beschrieben, wie es ist, sich unerwartet von einem Tier beobachtet zu finden. Im konkreten Fall ging es um seine Katze, die ihn nackt im Badezimmer überraschte. Leicht geniert gestand sich Derrida ein, dass er sich vor der Katze schämte – und zugleich schämte er sich dieser Scham.

Wer bin ich in den Augen meiner Katze?

Katzen, die auf Männer starren: Aus dieser eher kuriosen Begebenheit entwickelt Derrida eine fundamentale Infragestellung der üblichen Denkfiguren, mit denen sich der Mensch von anderen Tieren abgrenzt. „Das Tier schaut uns an, und wir stehen nackt vor ihm. Und vielleicht fängt das Denken an genau dieser Stelle an“, schreibt Derrida. Der letzte Satz ist eine offenkundige Anspielung auf Sartres Theorie des Selbstbewusstseins.

Für Sartre erlangt der Mensch ein Bewusstsein seiner selbst durch die existenzielle Erfahrung, von einem Anderen angeblickt zu werden. Indem mich der Blick des Anderen trifft, wird mir die Gegenwart eines fremden Bewusstseins klar und zugleich meine körperliche Gegenwart für den Anderen. Ich erkenne, dass ich im Blick des Anderen ein Objekt bin oder – wie Sartre sagt – ein Stück Natur. Und die Reaktion auf dieses Ausgeliefertsein an den Blick des Anderen ist auch hier das Gefühl der Scham: „Der Andere besitzt ein Geheimnis (…) dessen, was ich bin“, schreibt Sartre.

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