Das lange Vorbeben des Anthropozäns


Die Wurzeln des vom Menschen geprägten Erdzeitalters reichen viel weiter zurück als gedacht. Sie sind sogar älter als die Gattung Mensch selbst

Jürgen Doppler | DERSTANDARD

Warum schleppt ein Leopard seine Beute mühsam ins Geäst? Vielleicht will er sie gar nicht löwensicher machen – die Antwort könnte viel weiter in der Zeit zurückliegen. Foto: Hans Ring, Naturfotograferna

Ironie der Erdgeschichte: Seit Jahren debattieren Wissenschafter darüber, wann das Anthropozän begonnen habe – mit den Atombombenexplosionen im 20. Jahrhundert (Extremposition eins) oder schon am Ende der Eiszeit, als prähistorische Jäger das Aussterben zahlreicher Großtierarten herbeiführten (Extremposition zwei). Denkt man letztere Ansicht konsequent weiter, könnten neue Untersuchungen allerdings zu einem paradoxen Schluss verführen: Das vom Menschen geprägte Erdzeitalter, so die Definition des Anthropozäns, wäre demnach älter als der Mensch selbst.

Ehe man sichs versieht, steckt man damit in einer ähnlich kontrovers geführten, aber viel älteren wissenschaftlichen Debatte, die um folgende Frage kreist: Warum sind überall mit Ausnahme Afrikas und Teilen Asiens die großen Landtiere verschwunden? Megafauna gab es in den vergangenen 50 Millionen Jahren auf allen Landmassen – natürlich in wechselnder Besetzung, aber irgendwelche Riesen waren immer dabei. Nur heute nicht mehr.

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