Historikerin kritisiert Wiederaufbau von Synagoge

Die alte Synagoge am Bornplatz in Hamburg wurde in der Reichsprogromnacht 1938 verwüstet und 1939 abgerissen. © wikimedia

Im Zuge der Pogromnacht von 1938 ist die Synagoge am Bornplatz im Hamburger Grindelviertel zerstört worden. Seit Jahrzehnten klafft dort eine große Lücke. Nun gibt der Bund 600.000 Euro für eine Machbarkeitsstudie. Die Historikerin Miriam Rürup hat jedoch Einwände gegen Standort und Machart.

NDR Kultur

Frau Rürup, was spricht Ihrer Meinung nach gegen den Standort?

Miriam Rürup: In der medialen Wahrnehmung wird immer von der großen klaffenden Lücke gesprochen. Es ist aber keine klaffende Lücke. Deswegen melde ich regelmäßig Kritik an diesem völlig kritiklosen Umgang mit dem dortigen Standort. Dieser Platz ist ein Mahnmal, und dieses Mahnmal ist vor 30 Jahren gemeinschaftlich mit der Stadtgesellschaft, der Bezirksversammlung, der jüdischen Gemeinde und dem Verein der Hamburger in Israel entworfen worden. Es wurde überlegt, wie man damit umgeht, dass diese Synagoge nicht nur zerstört, sondern sogar von der jüdischen Gemeinde zwangsweise abgebaut wurde. Mit dieser Vergangenheit wurde lange genug nicht umgegangen, bis in die 80er-Jahre. Und dann hat man sich endlich entschieden, dass man diesen Platz erfahrbar machen muss. Man muss einen Umgang mit der Vergangenheit finden, der in dem Platz veranschaulicht ist. Den Umgang, den man gefunden hat, ist aus meiner Sicht ein ganz hervorragender: Man hat sich überlegt, die Lücke sichtbar zu machen.

Dort die alte Synagoge wieder zu errichten, ist aus meiner Sicht kein Signal für jüdisches Leben heute und schon gar kein Signal für jüdisches Leben in der Zukunft. Denn so eine Synagoge ist, wenn man sie im alten Stil wiederaufbaut, auch wenn es nur die Fassade ist, die in Stein gehauene Fantasie einer Vergangenheit, die nicht nur nicht mehr besteht, sondern die mutwillig durch die Nationalsozialisten zerstört wurde. Diese Zerstörung können wir nicht wieder wettmachen, indem wir sie wiederherstellen. Offensichtlich scheint das ein menschliches Bedürfnis zu sein: Dresden hat seine Frauenkirche, Berlin hat sein Stadtschloss, Potsdam seine Garnisonskirche.

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