Paradigmenwechsel in der Evolutionsbiologie


Darwins Evolutionstheorie gehört zu den Ruhmesblättern der modernen Wissenschaft. Die Evolutionstheorie symbolisiert geradezu wissenschaftlichen Fortschritt, die Überwindung einer archaischen, an Religion orientierten Weltauffassung hin zur derjenigen der „aufgeklärten“ Moderne.

Jörg Räwel | TELEPOLIS

Deshalb frappiert, dass diese Theorie in den letzten Jahren zunehmend ins Blickfeld wissenschaftlicher Kritik gerät; und von wissenschaftlicher Kritik soll im folgenden die Rede sein, nicht von den notorischen, vergleichsweise uninteressanten Anfeindungen des Kreationismus. Die Kritik bezieht sich auf die „Moderne Synthese“, also diejenige maßgeblich durch die Evolutionsbiologen Dobzhansky, Mayr und Huxley vorangetriebene Fassung der Evolutionstheorie, die Darwin noch unbekannte Erkenntnisse, etwa aus Genetik, Zoologie, Paläontologie oder Botanik, berücksichtigt.

Erstaunlich ist der zurückhaltende Gestus, mit dem die Kritik am vorherrschenden Paradigma vorgetragen wird. So ist vorsichtig davon die Rede, dass die konventionelle Auffassung der Evolutionstheorie erweitert werden müsse, etwa in Berücksichtigung von Erkenntnissen der evolutionären Entwicklungsbiologie, bzw. der Epigenetik. Eine direkte Kritik von konventionellen, orthodoxen Auffassungen wird tunlichst vermieden. In diesem Sinne soll etwa, neben Neodarwinismus und Kreationismus, ein „dritter Weg“ beschritten werden. Wissenschaft wird auf diese Weise gleich zweimal ein Bärendienst erwiesen. Zum einen wird, zumindest rhetorisch, Kreationismus als gleichrangig mit wissenschaftlichen Theorien eingeschätzt; zum anderen profilieren sich wissenschaftliche Theorien gerade in kritischer Auseinandersetzung mit ihren Widersachern, nicht, indem Kritik im Beschreiten von „dritten Wegen“ vermieden wird.

Wissenschaftspolitisch mag diese Form des Widerspruchs am vorherrschenden Paradigma verständlich sein. Sie ist Ausdruck einer bestehenden Dominanz der „Modernen Synthesis“, einer vorherrschenden Orthodoxie, welche – mit stets misstrauischem Blick in Richtung Kreationismus – eine kritische Befragung eher unterdrückt, als erleichtert. Auch ist sie Ausdruck eines überzogenen Respekts vor einer Theorie, welche emblematisch für die moderne (Natur-)Wissenschaft steht.

Wir wollen nichtsdestotrotz davon ausgehen, dass es wissenschaftlich fruchtbarer ist, in Auseinandersetzungen mit Theorien Irrwege aufzuzeigen, statt defensiv „dritte Wege“ zu beschreiten. Diskutiert werden soll die Notwendigkeit von grundlegenden, radikalen Modifikationen der „Modernen Synthese“. Es soll die Notwendigkeit von paradigmatischen Änderungen der Evolutionstheorie, entsprechend des perspektivischen Wechsels zwischen den physikalischen Weltbildern von Newton und Einstein – ein Perspektivenwechsel, der selbst paradigmatisch für das Konzept des Paradigmenwechsels steht -, aufgezeigt werden. Es geht nicht lediglich um kosmetische Reparaturen der Theorie, welche die Rede von „Erweiterungen“ rechtfertigen würde, sondern um eine durchaus konfrontative Auseinandersetzung mit vorherrschender evolutionsbiologischer Orthodoxie.

1. Die anthropozentrischen Prämissen von Darwins Evolutionstheorie

Bekanntermaßen ist eine der zentralen Ideen Darwins, die der natürlichen Selektion, bzw. der natürlichen Zuchtwahl. Evolution, die Auffassung einer grundsätzlich gegebenen Kontingenz von Lebewesen, wird angelehnt an künstliche Zuchtwahl erklärt, also mit Blick auf ein Geschehen, das Darwin aus sozialen, anthropogenen Verhältnissen, etwa der Landwirtschaft, bestens bekannt war. Die Tatsache, dass Lebewesen (Pflanzen und Tiere) durch „künstliche“ Zucht in gerichteter, also vererbbarer Weise verändert werden können, nämlich durch gezielte Beeinflussung von Reproduktionsraten, zeigte Darwin, dass dies auch bezogen auf natürliche (nicht-anthropogene) Verhältnisse der Fall sein könnte2:

Kann das Princip der Auswahl für die Nachzucht, die Zuchtwahl, welche in der Hand des Menschen so viel leistet, in der Natur zur Anwendung kommen? Ich glaube, wir werden sehen, dass ihre Thätigkeit eine äusserst wirksame ist.

Darwin hatte in dieser Sichtweise die Reproduktion restringierende Rolle des Züchters in Bezug auf künstliche Selektionen auf natürliche Verhältnisse zu übertragen. In Hinsicht auf „natürliche“ Zuchtwahl wird diese Funktion vom abstrakten Konzept der „Anpassung“ übernommen. Es ist stets das Kriterium der Adaption an Umwelt, das letztlich unter wechselnden, bzw. verschärften Umweltbedingungen entscheidet, ob Lebewesen überleben, sich reproduzieren können. Umweltbedingungen in ihrer Dynamik – „struggle for life“: Kampf bzw. Konkurrenz um begrenzte Ressourcen, zumal bei einer überschießenden Anzahl von Nachkommen, Veränderungen in den Umweltverhältnissen, etwa des Klimas – führen, nach Maßgabe von sich dadurch verändernden Reproduktionsraten, zur Anpassung von Organismen an diese Bedingungen. Also zur Abwandlung von Arten, bzw. zur Entstehung von neuen Arten im Sinne eines „survival of the fittest“.

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