„Der neue und der alte französische Säkularismus“


Die gelebte Trennung von Staat und Kirche bedeutet nicht, dass damit die katholische Abwertung der Frau beendet ist. Das macht die Historikerin Joan Wallach Scott am Beispiel Frankreich deutlich. Säkularismus habe nichts mit Gleichberechtigung zu tun.

Jürgen König | Deutschlandfunk

Für die Historikerin Joan Wallach Scott ist die Unterdrückung der Frauen Teil des Säkularismus (Hintergrund: Imago/ Buchcover Wallstein Verlag)

Ihrem Lebensthema Gender bleibt Joan Wallach Scott auch in diesem Buch treu. Ein Essay von knapp 50 Seiten, in der Übersetzung von Karin Wördemann für einen wissenschaftlichen Text bemerkenswert gut lesbar. Auch wer mit den heftigen französischen Säkularismus-Diskussionen der letzten Jahre nicht vertraut ist, findet Gefallen an der Schärfe, mit der die 78-jährige US-amerikanische Historikerin die Debatte zusammenfasst, analysiert und zuspitzt.

Auslöser ihres Essays waren die in Frankreich in den letzten Jahren verabschiedeten Gesetze zum Verbot muslimischer Kopftücher und Schleier: 2004 wurden sie an öffentlichen Schulen untersagt, seit 2010 ist jede Form der Verhüllung im öffentlichen Raum verboten. Joan Wallach Scott kritisiert die Gesetze ebenso wie die vorangegangenen Debatten.

„Anders als der Säkularismusdiskurs im 19. Jahrhundert bestimmt sich der neuere Diskurs fast gänzlich durch den Gegensatz zum Islam und macht die Geschlechtergleichheit zu einer seiner zentralen Forderungen. Der Islam, heißt es, sei gleichbedeutend mit der Unterdrückung von Frauen, während der ‚Säkularismus‘ die Gleichheit zwischen Männern und Frauen garantiere. Manche behaupten sogar, die Geschlechtergleichheit sei ein originärer Wert säkularer Nationalstaaten. Meine Arbeit […] stellt diese Verbindung in Frage.“

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