Die zersplitterte Gesellschaft: Warum wir uns wie Stammeskrieger gebärden

zerbrochener Spiegel

Herkunft und Geschlecht sind plötzlich wieder Kriterien, um Menschen zu sortieren. Welche Gruppe in der neuen moralischen Hierarchie oben und welche unten steht, lässt sich präzise beschreiben. Doch wer hat eigentlich die neue Ständeordnung entworfen?

René Scheu | Neue Zürcher Zeitung

Die neue Fragmentierung versperrt die Sicht aufs menschlich Verbindende. Imago

Frauen gegen Männer. Schwarze gegen Weisse. Homos gegen Heteros. Transgender gegen Homos. Wer sich heute im Raum der veröffentlichten Meinung bewegt, gewinnt den Eindruck, dass ein veritabler Kulturkampf tobt. Dabei steht nicht mehr Partei gegen Partei, den Wettkampf politischer Ideen und Programme hat man längst aus den Augen verloren. Vielmehr ist es so, als wäre die Gesellschaft buchstäblich in verschiedene Stämme zerfallen. In welcher Sippe man sich wiederfindet, entscheidet man nicht selbst. Klar ist nur: Die neuen Kollektive stehen sich feindselig gegenüber.

Ein solche Situation erinnert an Thomas Hobbes’ Krieg aller gegen alle. Damit beschrieb der Autor des «Leviathan» eindrücklich den mutmasslichen Naturzustand des Menschen, in dem Angst und Aggressivität regieren. Im Gegensatz zu Hobbes’ Phantasie wird der Stammeskampf heute jedoch in der Blase der hochzivilisierten westlichen Gesellschaften ausgefochten. Er spielt sich in einer Zeit ab, in der es den Bewohnern der Wohlstandswelt besser geht als jemals zuvor.

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