Deniz Yücel: 16 Jahre Haft – für was?


Die türkische Staatsanwaltschaft fordert im Prozess gegen den Journalisten eine lange Haftstrafe. Der Vorwurf: Propaganda für die PKK sowie Volksverhetzung durch seine Artikel in der Welt

Birgit Gärtner | TELEPOLIS

Grafik: TP

Wer arbeitet macht Fehler, besagt eine alte Weisheit. Doch auch wer keine Fehler macht, sondern nur seinen Job macht – und zwar ausgesprochen gut – kann anecken. Und zwar so richtig. Diese Erfahrung machte der ehemalige Türkei-Korrespondent der Welt, Deniz Yücel, aufgrund seiner kritischen Berichterstattung über die politische Entwicklung in der Türkei. Damit wurde er sozusagen zum roten Tuch für den jetzigen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan, der in ihm keinen Journalisten sah, sondern einen „Agentterrorist“.

Deniz Yücel wurde im Februar 2017 festgenommen und verbrachte ein Jahr ohne Anklage in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft erhob erst Anklage, als er aus der Haft entlassen wurde und nach Deutschland ausreiste.

Der Journalist selbst wird bei der Verhandlung, die im Juni 2018 begann, im Rahmen derer die Staatsanwaltschaft am 13. Februar 2020, fast auf den Tag genau zwei Jahre nach seiner Festnahme, das geforderte Strafmaß bekannt gab und die im April 2020 fortgesetzt werden soll, nicht anwesend sein.

Bereits am 28. Juni 2019 erklärte das türkische Verfassungsgericht die Verhaftung des Journalisten für rechtswidrig, ebenso stellte die Kammer fest, dass der Inhalt der inkriminierte Presseartikel von der Pressefreiheit gedeckt sei. Deniz Yücel wirft der Staatsanwaltschaft vor, sich über „das höchste türkische Rechtsorgan“ zu „erheben“.

Von der taz zur Welt

Seit 1999 arbeitet Deniz Yücel als Journalist, zunächst freiberuflich für verschiedene Print- und Hörfunkmedien, dann als Redakteur für die Wochenzeitung Jungle World, anschließend, von 2007 bis 2015, arbeitete er bei der Tageszeitung (taz). Dann folgt der Wechsel, beruflich von der Taz zur Welt, seinen Wohnsitz verlegte er von der Spree an den Bosporus.

Als Türkei-Korrespondent der Welt überzeugt er mit seiner empathischen, jedoch professionell – und politisch – kritischen Berichterstattung über die Situation in den kurdischen Gebieten innerhalb der Türkei und in Syrien auch jene, die seinen Wechsel von der linken Taz zur konservativen Welt kritisiert hatten. Er berichtete aus „Tayyipistan“, so nannte er den Herrschaftsbereich Erdoğans, der „besten Demokratie wo gibt“, mit der „besten Pressefreiheit wo gibt“.

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