Die katholische Kirche und der Holocaust:Was wusste er?


Der Kirchenhistoriker Hubert Wolf über die Quellen, die der Vatikan nun zum Pontifikat von Pius XII. zugänglich macht.

Interview von Rudolf Neumaier | Süddeutsche Zeitung

Pius XII. war Papst, als in deutschen Konzentrationslagern sechs Millionen Juden ermordet wurden und als der Zweite Weltkrieg begann und endete. Er starb im Oktober 1958. Sein Pontifikat gibt Historikern und Theologen bis heute viele Rätsel auf. Im März wird der Vatikan in seinen Archiven alle Akten aus Pius‘ Amtszeit zugänglich machen. Der Münsteraner Kirchenhistoriker Hubert Wolf, 60, der im Dezember die Ehrendoktorwürde der Universität Bern erhielt, beteiligt sich mit einem Team an der Erforschung des Materials. An diesem Montag erörtert er in Frankfurt am Main bei einer Podiumsdiskussion der Deutschen Bischofskonferenz, welche Erkenntnisse die Akten bergen könnten.

SZ: Pius XII. war von 1938 an 20 Jahre Papst. Lässt sich das Material schon überblicken, das Sie erwartet?

Hubert Wolf: Es ist eine gewaltige Aufgabe. Allein im Apostolischen Vatikanischen Archiv, das bis vor wenigen Wochen Geheimarchiv hieß, gibt es mehr als 200 000 Akteneinheiten mit bis zu 1000 Blatt. Sie umfassen Überlieferungen aus den Kongregationen und den Nuntiaturen, da liegt aber auch die Carte Pio XII, eine Art Privatnachlass, und noch viel, viel mehr. Dazu kommen die Archive der Glaubenskongregation, des Staatssekretariats und anderer vatikanischer Einrichtungen. Für Wissenschaftler ein Eldorado.

Saul Friedländer hat im Jahr 1964 seine Dokumentation „Pius XII. und das Dritte Reich“ vorgelegt. Seitdem ist die Forschung in der wohl wichtigsten Frage kaum weitergekommen: Was wusste die Kurie wann von der Ermordung der Juden, und wie hat sie reagiert?

Das ist in der Tat eine zentrale Frage. Die ganze Welt hofft hier auf Antworten. Warum schrieb Pius XII. deutschen Bischöfen 1942, wo er schreien müsse, sei er zum Schweigen verpflichtet? Was hat er damit genau gemeint? Dies wird sich nicht anhand einzelner Quellenfunde klären lassen. Hier braucht es eine differenzierte Betrachtung und genaue Analyse. Das fängt damit an, was die päpstlichen Nuntien von Bern bis Buenos Aires und von Paris bis Istanbul über den Holocaust wussten und nach Rom schrieben. Oder nehmen wir Pius‘ berühmte Weihnachtsansprache von 1942, die als Warnung an die Nationalsozialisten zugunsten der Juden verstanden werden konnte: Vielleicht finden wir jetzt Entwürfe dieses Textes und können aus der Genese, aus Streichungen und Korrekturen, Rückschlüsse darauf ziehen, was der Papst lieber gar nicht oder lieber anders sagte, als es vorher im Text stand.

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