Mensch in Körper und Gesellschaft: Was heißt Freiheit?


Eines Winterabends lief ich gedankenversunken zum Supermarkt bei mir um die Ecke. Ich dachte über meinen Artikel für die „Cologne Futures“ (eine Tagung des Instituts für Medien- und Kommunikationspolitik in Köln) nach, bis mich etwas Unerwartetes aus den Gedanken riss: Wegen einer Baustelle waren die Gehwege auf beiden Seiten aufgerissen. Jetzt musste ich aufpassen, wohin ich trat.

Stephan Schleim | TELEPOLIS

Den Supermarkt erreichte ich zwar ohne zündende Idee, doch auch ohne in eine Grube zu fallen. Dort lief ich an leergeräumten Regalen vorbei. Darauf standen der Name einer beliebten Schokoladenmilch und das Angebot: „Drei kaufen, eines bezahlen. Gültig nur am Mittwoch.“ Daneben hatte ein Mitarbeiter etwas fantasielos einen DIN A4-Zettel aus dem Laserdrucker mit großer Arial-Schrift aufgehängt: „Maximal sechs Packungen pro Person!!!“

Dass keine einzige Packung mehr übrig war, zeigte deutlich, was die Kunden von dieser Art Angebot hielten, die sich die Marketingleute inzwischen schon im Tagestakt ausdachten. Ich kam selbst eigentlich nur für Bananen, Saft und Taschentücher im Wert von € 8,91. Der Kassenzettel bezeugte, dass ich den Supermarkt schließlich mit acht verschiedenen Produkten im Wert von € 36,13 verließ.

Der Kassencomputer tröstete mich: „Sie haben € 14,91 gespart.“ Dabei hatte ich insgesamt € 21,22 bezahlt, also rund zwölf Euro mehr als geplant. Um die Angebote nutzen zu können, musste ich meine Identität als Kunde Nummer xx6534 an das Unternehmen preisgeben. Dafür gab es aber auch noch drei Sparsiegel für ein Servis – am Ende der Aktion würde ich vier volle Karten haben – und zwölf Fußballbildchen, für die Kinder oft am Eingang in der Schlange standen.

Einführung

Was ich hier etwas salopp aufgeschrieben habe, ist von mir als Einstieg in das Thema „Was heißt Freiheit?“ durchaus ernst gemeint. Das hat zugegebenermaßen mit dem Problem der Willensfreiheit, das einige Hirnforscher und Philosophen jahrelang öffentlichkeitswirksam diskutierten, nur sehr wenig zu tun. Zum Glück! Dafür hat es meiner Meinung nach aber sehr viel damit zu tun, wie die Umgebung unser Fühlen, Denken und Handeln beeinflusst, insbesondere unsere Entscheidungsfindung. Um diesen Aspekt geht es mir in diesem Artikel mit der etwas unhandlichen Überschrift.

Dafür will ich zuerst etwas über die Erkenntnis- und Erklärungsmöglichkeiten der heutigen Hirnforschung schreiben. So werde ich in den ersten beiden Abschnitten „Beispiel: ‚Gedankenlesen‘ in den Medien“ und „Fallstudie: ‚Gedankenlesen/-schreiben'“ erst als Wissenschaftssoziologe und -Historiker, dann als Wissenschaftsphilosoph schreiben. In dieser Rolle werde ich danach den „Beitrag der Hirnforschung zur Freiheitsdiskussion“ zusammenfassen. Den zentralen Abschnitt, „Freiheit in der Praxis“, schreibe ich aber als Verhaltens- beziehungsweise Sozialwissenschaftler, bevor ich den Artikel mit meinen „Schlussfolgerungen“ beende.

Die vorangegangenen Sätze könnte man auch als meinen „Plan“ bezeichnen. Wir werden sehen, ob mir dessen Umsetzung besser gelingt als die Sache mit den Bananen eines dunklen Winterabends…

Beispiel: „Gedankenlesen“ in den Medien

Aus den Medien sind wir inzwischen einiges an sensationeller Berichterstattung über die Hirnforschung gewöhnt. Daher dürfte das folgende Zitat aus einer Tageszeitung nur wenige überraschen:

Heute sind es noch Geheimzeichen, morgen wird man vielleicht Geistes- und Hirnerkrankungen aus ihnen erkennen und übermorgen sich gar schon Briefe in Hirnschrift schreiben.

Falls an diesem Zitat doch etwas überrascht, dann ist es nicht sein Inhalt, sondern sein Alter: Es stammt nämlich aus dem Stadt-Anzeiger Düsseldorf vom 6. August 1930, ist also bald neunzig Jahre alt. Der Artikel erschien anlässlich der Entwicklung der Elektroenzephalographie (EEG) durch den Jenenser Professor Hans Berger (zitiert nach Borck, 2005, S. 7). Das Zitat hätte aber genauso gut aus einem aktuellen Artikel stammen können.

Das zeigt zweierlei: Erstens ist die Vorstellung, mit neuen Methoden der Hirnforschung Gedanken „lesen“ oder sogar „schreiben“ zu können, gar nicht so neu; zweitens sind solche Vorstellungen auch nach bald hundert Jahren immer noch Phantasie. Sind sie das wirklich? Damit nehme ich freilich bereits eine Schlussfolgerung vorweg, auf die ich gleich noch kommen werde.

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