Amri: Der „offenbare Attentäter“ vom Breitscheidplatz

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Seit drei Jahren lassen die Ermittlungsbehörden Parlamente und Öffentlichkeit über die diskussionswürdige Videoaufnahme aus dem U-Bahn-Tunnel am Zoo im Unklaren

Thomas Moser | TELEPOLIS

Amris Video-Bekenntnis zum IS. Bild: quapan/CC BY-2.0

Anis Amri soll nach dem Anschlag zur nächsten U-Bahn-Station geflüchtet sein. Eine inzwischen bekannte Videoaufnahme belegt dagegen, dass er weder zur U-Bahn ging noch von ihr kam, sondern lediglich eine Unterführung durchquerte. Aber warum?

Immer rätselhafter wird, wie sich der angebliche Attentäter vom Breitscheidplatz laut Ermittlungsbehörden verhalten haben soll. Offiziell heißt es, Amri habe, nachdem er den Sattelschlepper in den Weihnachtsmarkt gesteuert hatte, den Tatort Richtung Bahnhof Zoologischer Garten verlassen. Einziger Beleg ist bisher eine Videoaufnahme, die Amri wenige Minuten nach dem Anschlag in einem Tunnel des U-Bahnhofs Zoo zeigt. Die Aufnahme, die der Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) veröffentlicht hat, ist 30 Sekunden lang und endet damit, dass der Tunesier den ausgestreckten Zeigefinger demonstrativ in eine Überwachungskamera hält (Letztes Video auf der Seite). Das wird von den Ermittlern als sogenannter islamistischer „Tawhid“-Gruß und Tatbekennung interpretiert.

Die Richtung, in die Amri geht, ist hinaus aus den U-Bahn-Gängen und nicht etwa hinein. Er begibt sich nach oben auf den Hardenbergplatz, der nur wenige hundert Meter vom Tatort Breitscheidplatz entfernt liegt. Aber woher kam Amri? Eine um mehrere Sekunden längere Videosequenz zeigt, dass er nicht etwa vom U-Bahnsteig der Linie U 9 kam, sondern vom U-Bahn-Eingang auf der entgegengesetzten Seite des Hardenbergplatzes, der auch als Omnibusbahnhof dient. Amri kommt ins Blickfeld der Kameras aus diesem Zugang zum Tunnel um 20:05:58 Uhr. Der Zeitstempel ist im Gegensatz zur vom RBB veröffentlichten Aufnahme klar zu erkennen. Amri verschwindet am anderen Ende um 20:06:34 Uhr. Der Anschlag wurde zwischen 20:02 und 20:03 Uhr verübt.

Nimmt man die Täter-Hypothese der Bundesanwaltschaft ernst, dann hätte sich Amri vom Tatort Breitscheidplatz zum Hardenbergplatz am Bahnhof Zoo begeben, hätte diesen Platz oberirdisch überquert, wäre auf Seite des Bahnhofgebäudes in den U-Bahntunnel hinuntergegangen, um dann auf der entgegengesetzten Seite wieder hochzukommen – dort, wo er herkam. Welchen Sinn machte das?

Um den islamistischen Gruß in eine Überwachungskamera zu halten? Das hätte er auch tun können, wenn er den U-Bahntunnel auf direktem Wege und eben in anderer Richtung hin zum Bahnhofsgebäude durchschritten hätte. In dem Korridor sind insgesamt vier Videokameras angebracht. Möglichkeiten zur Demonstration genug.

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