Der Fluch der Loyalität


Die sogenannte Dreyfus-Affäre wirft zwei fundamentale Fragen auf, die noch heute von höchster Aktualität sind.

Rainer Hank | Frankfurter Allgemeine Zeitung

Alfred Dreyfus auf einer Parkbank. Das Foto wurde Anfang der 30er Jahre gemacht. Bild: dpa

Ende des Jahres 1894 wird in Frankreich der Generalstabsoffizier Alfred Dreyfus von einem militärischen Gerichtshof der Spionage zugunsten des Deutschen Reiches angeklagt und zu lebenslänglicher Deportation auf die Teufelsinseln verurteilt. Das Urteil wurde einstimmig gefällt, die Verhandlungen fanden unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Dreyfus war ganz offenkundig unschuldig, aber ein aus dem Elsass stammender Jude war zu jener Zeit ein natürlicher Verdächtiger. Und der „Mob“ (Hannah Arendt) war gerne bereit, die Unwahrheit zu glauben.

Selbst nachdem Dreyfus’ Unschuld vollkommen erwiesen war, fand sich kein Gericht bereit, ihn zu rehabilitieren. Das Militär meinte, der Einzelne zähle weniger als die Ehre der Armee. Jeder, der Beweise für die Unschuld Dreyfus’ vorlegte, wurde gnadenlos verfolgt. Erst 1906, zwölf Jahre nach dem Fehlurteil, widerrief ein Berufungsgericht das Urteil gegen Dreyfus und begnadigte ihn.

Die sogenannten Dreyfus-Affäre wirft zwei fundamentale Fragen auf, die heute von höchster Aktualität sind: (1) Wie lässt es sich verstehen, dass große Gruppen von Menschen nicht zögern, offenkundige Lügen für wahr zu halten? (2) Warum verhalten sich die Opfer niederträchtiger Verschwörungstheorien loyal gegenüber dem System, das sie verfolgt?

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